Grundlagen des Methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit. Franz Stimmer. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Franz Stimmer
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Документальная литература
Год издания: 0
isbn: 9783170359307
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rechtliche Vorgaben ändern, Finanzierungen gefährdet sind, Mitarbeiter erschöpft aufgeben, die Klienten wegbleiben oder Kritik von außen zum Umdenken zwingt. Die Zielvorgaben sind relativ eindeutig. Problemlösungen dieses Typs reduzieren verwirrende Komplexität und erleichtern dadurch das Handeln, unterliegen aber der Gefährdung, dass soziales Handeln in eine ritualisierte Abfolge von Teilschritten gepresst wird.

      Probleme vom Typ a treten dann auf, wenn etwa eine Institution, für die bisher Probleme vom Typ y kennzeichnend waren, sich auf neue Aufgaben einlässt, für die es vielleicht auch schon Modelle gibt, die aber für die spezifische Problemlage transformiert werden müssen. So kann eine Drogenberatungsstelle, die bisher schon Erfahrungen in der Suchtprävention in Schulen gemacht hat, aufgrund von neuen Möglichkeiten, die das Sozialministerium eröffnet hat, zusätzlich die Aufgabe übernehmen, Suchtprävention im Kindergarten langfristig zu gestalten. Zur Prävention und zur Suchtprävention gibt es genügend theoretisches und handlungsmethodisches Material, die praktischen Erfahrungen der Mitarbeiter in den Schulen sind profund und es sind auch einige Erfahrungen mit der Suchtprävention im Kindergarten zumindest ansatzweise in anderen Regionen bereits gemacht worden. Die Übertragbarkeit muss nun überprüft werden, es muss gefragt werden, ob Prävention wirklich im Kindergarten das geeignetste Konzept ist oder nicht vielleicht besser neuere Konzepte der Gesundheitsförderung der Aufgabe angemessener sind, wobei die Ziele vielleicht erst noch genauer definiert werden müssen. Die Handlungsleitenden Konzepte, die sich in der Schule bewährt haben und die darin integrierten spezifischen Methoden, Verfahren und Techniken müssen vermutlich modifiziert, ergänzt oder ersetzt werden. Weiter ist die Frage zu klären, wer denn eigentlich die Klienten sind; sind es die Kinder, die Erzieherinnen, die Eltern oder alle zusammen? Die Zielvorgaben sind weniger diffus als bei Problemen vom Typ x und weniger eindeutig als beim Typ y.

      Die Sogwirkung der Institutionalisierung und der Ritualisierung bringt es mit sich, dass alle Problemtypen sich im Laufe der Zeit dem Typ y annähern. Dies ist im Grunde auch wünschenswert, zumindest nicht zu verteufeln, da routiniertes Arbeiten in Teilbereichen es erst ermöglicht, effektiv und kompetent die gestellten Aufgaben einer Lösung zuzuführen, ohne in der verwirrenden Diffusität oder den Zufälligkeiten des Alltags zu versinken. Um umgekehrt aber nicht der Erstarrung eines computergesteuerten Robotersystems zu verfallen, sind die Evaluation bzw. viel mehr noch die Selbstevaluation und die Supervision notwendige Instrumente, um dieser Entwicklung vorzubeugen. Wenn als Basis des methodischen Umgangs mit Klienten die Verständigungsorientierung anerkannt wird und damit strategisch erfolgszentriertes Handeln (image Abb. 6) weitgehend vermieden werden kann, ist dies ein weiteres Präventionselement, das einem konservenhaften Handeln in der Sozialen Arbeit vorbeugt. Routine muss also immer wieder misstrauisch hinterfragt werden. Positiv formuliert zeichnet sich sozialpädagogische Kreativität dadurch aus, dass vor dem sicheren Hintergrund stabilisierenden Routinehandelns versucht wird (nach Moreno), für alte Probleme neue Lösungen zu finden und für neue Probleme angemessene Lösungen zu entwickeln.

      Mehr als in vielen anderen Berufen ist in der Sozialen Arbeit die Rede von der Multiperspektivität der Problemgenese und Problemlösung. Dennoch ist die Reduktion von Vielfalt notwendig, um in konkreten Situationen handlungsfähig zu bleiben. Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit ist Handeln in komplexen Situationen, die nach Dörner (1992, S. 58 ff.) durch Vernetztheit, Dynamik, Intransparenz und (notwendigerweise) ein unvollständiges Strukturwissen gekennzeichnet sind. Eine Vergewisserung wesentlicher Aspekte dieses Handelns, immer unter der Ausrichtung auf einen verständigungsorientierten zirkulären Problemlösungsprozess (image Kap. 3.5) sowie einer Orientierung und Ausrichtung des Handelns an Basiskriterien (image Abb. 3 und image Abb. 4) ist daher hilfreich für die Strukturierung verwirrender Komplexität und Voraussetzung für effektives Arbeiten. Das Bewusstsein bzw. das Bewusstmachen von netzwerkartigen Problemverflechtungen sind notwendige, wenn auch noch nicht ausreichende Voraussetzungen, um die auftretenden Probleme in den diversen Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit angemessen zu bewältigen. Hinzukommen muss eine verantwortete Beschränkung von Dienstleistungen, die die äußeren und inneren Grenzen von Sozialpädagogen und Klienten bewusst berücksichtigt. In der Abbildung 2 sind einige zentrale Aspekte des Perspektivengeflechtes zusammengefasst.

Images

      In der Sozialen Arbeit sind die Problemanalyse-, Interventions- und Reflexionsmethoden bzw. -verfahren im Sinne mehrperspektivischen Denkens und Handelns bezüglich der Problemzuordnung, aber eben auch der Ressourcenfindung auf die Lebensstile und die Lebenswelten der Klienten sowie auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen sozialpädagogisches Handeln stattfindet, einschließlich ihrer Wechselwirkungen zu beziehen. In den Lebenswelten sind nicht nur pathogene Wirkungen zu finden, sondern auch salutogene Möglichkeiten zu suchen. Dies beinhaltet auch die Frage, was in der Umwelt zu verändern ist, um positive Veränderungen in den Lebenstilen der Klienten zu bewirken bzw. auch umgekehrt.

      3.4.1 Modell

      Das »wissenschaftliche« an den Wissenschaften ist, wie erwähnt, das methodische Handeln als ein intersubjektiv überprüfbarer (und meist komplexer) Prozess. In dem Modell des Orientierungsrasters (image Abb. 3) werden die zentralen inhaltlichen Ebenen, Elemente oder Funktionsprinzipien methodischen Handelns in der Sozialen Arbeit benannt. Sie sind damit auch bezüglich ihrer Anwendung überprüfbar. Die einzelnen interdependenten Ebenen des Rasters bilden jedoch ein holistisches System, für das gilt, dass – nach der alten aristotelischen Regel – das Ganze mehr oder qualitativ höher ist als die Summe seiner Teile (Übersummationsregel). Die einzelnen Elemente beeinflussen sich also in einem emergenten Prozess wechselseitig und lassen etwas entstehen, was allein durch die Aneinanderreihung der einzelnen Elemente nicht möglich gewesen wäre. Aus der zunächst statischen Aufzählung der inhaltlichen Ebenen wird dadurch ein dynamisches System wechselseitiger Beeinflussung. Die in Abbildung 3 angeführten Ebenen sind zentral für das Methodische Handeln in der Sozialen Arbeit. Sie sind notwendig, wenn vielleicht auch nicht für alle Eventualitäten der Praxis ausreichend, sie sind also je nach Fall u. U. ergänzungsbedürftig.

      Das idealtypische Modell – knappe, abstrahierende Kennzeichnungen (Max Weber) – bildet die Struktur, die Gesamtheit der Elemente ab, die im Weiteren inhaltlich beschrieben werden (Inhaltsebenen) und die in Annäherung zu vollziehen sind, soll professionell methodisch gehandelt werden. Die integrierende Umsetzung der Elemente des Modells findet in der Praxis der Sozialen Arbeit im Prozess des zirkulären Problemlösens (image Kap. 3.5 und image Abb. 5) statt. Vom Methodischen Handeln in der Sozialen Arbeit kann, daraus abgeleitet, erst dann die Rede sein, wenn dieser Gesamtzusammenhang (Struktur und Prozess) beachtet und reflektiert wird. Die praktische Anwendung von Katalogen von Methoden oder Techniken, die in manchen Büchern und in der Aus- und Weiterbildung angeboten werden, mögen zwar in den Turbulenzen der