Er wusste zwar jetzt nicht wirklich, wer oder was er war, aber immerhin war er auf dem richtigen Weg. Besser als nichts.
Er spielte aus Dank für die offenen Ohren noch eine ganze Weile mit den Waldkreaturen, die ihn beraten hatten und bedankte sich bei allen noch einmal.
Die Feen nahmen wieder ihre leuchtende Schmetterlingsgestalten an und verschwanden langsam im Wald. Ebenso die Dryaden, die mit den Bäumen verschmolzen oder selbst zu welchen wurden. Auch alle anderen Wesen zogen sich auf die ihnen angemessen erscheinende Weise zurück.
Shynn blickte ihnen nach und wandte sich ab. Seine Gedanken kreisten noch lange über das Gespräch, während er diesen Wald verließ, um seiner Wege zu ziehen.
Nach einer geraumen Zeit und Strecke nahm er ein Plätschern wahr. Er folgte diesem Geräusch, zu dem sich auch Gelächter gesellte. Bald sah er aus der Ferne zwischen roten schilfartigen Pflanzen Gestalten hin und her huschen. Außerdem glitzerte es dort, als würde Licht am Boden reflektieren. Wie... Wasser.
Er konnte es fast schon riechen. Wasser!
Er lief schneller. Bis er tatsächlich an einen Fluss kam.
Ihm fiel ein, dass er die Geschöpfe dort nicht kannte oder diese ebensowenig einschätzen konnte und er besser erst einmal beobachtete, wie die so drauf waren. So suchte er sich ein Versteck, von dem aus er sie besser sehen konnte.
Nicht sofort fand er einen geeigneten Beobachtungsposten. Dort, die drei Steine fielen aus, zu flach. Und dort drüben war das Schilf zu spärlich, da hätte er sich ja gleich offen hinstellen können oder brüllen können: „Hier bin ich!“
„Pst!“ machte es aus einer anderen Richtung. In der Nähe stand ein einzelner Baum, der ihn zu sich heran winkte. Shynn wunderte sich und der Baum flüsterte: „Los, komm her, wenn du nicht gleich entdeckt werden möchtest.“ Nun gut, dachte er sich und folgte der Aufforderung.
Das Gewächs war ebenfalls eine Dryade, stellte er fest, aber eine andere als die aus dem Wald bei den Feen. Diese hier sah einer Trauerweide ähnlicher, mit sehr langen Ästen mit viel Laub, das ihr haargleich vom Kopf hing. Der Baumgeist hatte recht. Ein gutes Versteck.
„Du bist Shynn, oder? Ein Lüftchen hat mir eine Botschaft gesandt. Man hat mir gesagt, dass du auf einer Suche bist. Und dass dich einer meiner Artgenossen an die Nymphen verwiesen hatte. Ich sage dir, die sind mit Vorsicht zu genießen, wenn man sich ihnen zu auffällig und zu forsch nähert. Das mögen sie gar nicht. Wasser kann sanft sein, aber auch unberechenbar und außer Kontrolle. Kletter am besten an mir hoch und beobachte sie von dort.“
Das Weidengeschöpf war ziemlich groß und anscheinend auch älter als sein Artgenosse aus dem Wald, also sprang Shynn aus dem Stand nach oben, wo er sich unter den Haaren des Wesens so drapierte, dass er fast völlig von ihnen verdeckt wurde und das Treiben noch gut im Blick hatte.
Der Fluss sah von oben breiter aus und schlängelte sich leise rauschend und plätschernd durch eine hügelige Landschaft mit Wiesen, Büschen und vereinzelten Bäumen, von denen die größten in Wassernähe standen. Er wirkte sehr lebendig, fast wie eine Schlange, nur dass man weder den Kopf noch den Schwanz sehen konnte.
Manchmal schien es, als änderte er immer wieder ein wenig seinen Lauf. Deswegen wuchs das hohe Schilf auch weiter von den Ufern weg. Überall roch es nach feuchter Erde und an manchen Stellen leicht sumpfig und nach vermodernden Pflanzen.
In der Nähe seines Verstecks hörte er etwas plätschern und immer wieder jemanden kichern, bis er sie sogar sah: nackte Gestalten, Menschen recht ähnlich.
Sie hatten fischartige Schuppen mit individuellen Farben und Mustern, langes, wallendes, meist algengrünes Haar, Schwimmhäute zwischen Fingern und den langen Zehen, Kiemen und Flossensäume auf dem Rücken.
Bei genauerer Betrachtung sah er, dass sie ausnahmslos weiblich waren, mit Busen und Rundungen, wie bei menschlichen Frauen. Ihre Gesichter waren ebenso geformt.
Die Ohren waren anders, sie sahen aus wie Flossen oder Kiemen und waren sicher auch welche. Auch die Augen unterschieden sich, sie waren größer, glänzender und schienen sich je nach Stimmung zu verändern. Ab und zu schob sich eine Nickhaut darüber.
Sie spielten und tollten im und am Fluss. Manche wandelten ihren Unterkörper in einen Fischschwanz um, wenn sie schwammen, andere paddelten mit zwei Beinen umher. Andere liefen ganz ausgelassen mit viel Geplatsche und Gelächter hintereinander her.
Die Umgebung wurde unruhiger, was die Wassergeister nicht zu bemerken schienen. Das Schilf wedelte wie wild hin und her, selbst Shynn und die Dryade veränderten sich.
Er wurde unruhiger und blickte sich mit nun roten Augen suchend um, ohne zu wissen wonach. Der Baum raschelte und peitschte mit den Ästen. Er verlor dabei einen beträchtlichen Teil seines Laubes. Vogelähnliche Wesen flatterten auf. Insektenartige sprangen durcheinander herum und zirpten wie wahnsinnig.
Eine andersartige Kreatur sprang sehr plötzlich aus dem Schilf fast mitten unter die Nymphen.
Dieses Geisterwesen hatte Hörner, gewunden wie Shynns, genau wie dieser besaß es lange spitze Ohren. Es, besser gesagt er, war wie die Wasserwesen nackt. Der Unterkörper mitsamt den Beinen sah aus wie bei einer Ziege oder einem Wildschaf. Braunes Fell kleidete die unteren Regionen.
Die Beine glichen denen eines Zehengängers, genauer gesagt eines Paarhufers. Rötliche Haare, die flammenartig zu Berge standen und ein ebenso gefärbter Spitzbart zierten seinen Kinn.
Ein Faun. Kein Zweifel.
Dieser versuchte die Undinen zu fangen, zumindest eine von ihnen. Er war fest entschlossen, schien es. So wie die Nixen es waren, ihm zu entkommen. Er wurde immer wütender, als ihm wieder eine durch die Finger schlüpfte.
Und auch den Wasserfrauen reichte es. Die Umgebung wurde schon sehr dunkel und auch der Fluss selber fing an, hohe Wellen zu schlagen, um den Störenfried loszuwerden.
Die Flussgeister veränderten ihre schöne Gestalt, die Gesichter wurden immer fischähnlicher, die Flossensäume auf den Rücken der Wesen richteten sich auf und wurden stacheliger, gezackter und sie entblößten scharfe, spitze Zähne und fuhren ebensolche Krallen aus. Sie griffen an.
Shynn sah ziemlich aufgeregt zu, aber er befand sich im Zwiespalt. Einerseits dachte er, dass er froh war, dass er nicht die geballten Emotionen dieser Kreaturen zu spüren kriegte und hier nicht ins Kreuzfeuer geriet. Außerdem hatte er auch irgendwie Mitleid mit dem Ziegenwesen, weil dieses anscheinend nur einem tiefen Instinkt folgte. Andererseits sah er irgendwie auch eine Chance, ein Gespräch anzufangen. Bestenfalls mit beiden Spezies. Denn er könnte von allen Beteiligten Nützliches erfahren. Aber wie?
Die Rage der Nymphen hatte sich schon so gesteigert, dass der Bock nach verzweifelter Gegenwehr die Flucht ergreifen musste. Die Gelegenheit zum Handeln bot sich, als das Gerangel sich fast unter dem Baumgeist verlagerte, unter dessen Blätterdach sich der Dämon versteckte.
Er sprang herunter, mitten zwischen die kämpfende Meute. Seine Aura entlud sich explosionsartig, um die Kontrahenten voneinander zu trennen. „Schluss damit!“, brüllte er.
Beide Seiten schauten recht erstaunt aus der Wäsche, und sahen nun allesamt wie glotzäugige Fische aus. Sie hatten alle miteinander nicht mit einem Dritten gerechnet.
Zu dem Satyr gewandt grollte er mit ernstem Blick: „Was soll das? Ist dir langweilig? So zwischen die zu fahren?“, während er auf die Wasserwesen zeigte.
An die Nymphen gerichtet, mit ebensolcher Miene, sagte er: „Und ihr reißt euch jetzt auch erst einmal zusammen! Ihr versetzt die Gegend in Aufruhr!“
„Der ist doch schuld!“, entgegneten diese.
„Blaaa blaa blaa“, blökte der