Der alte Mann zögerte kurz und schrieb dann auf den Notizblock: "Ich möchte dir nichts weiter über mich erzählen. Ich habe meine Gründe, warum ich hier alleine lebe. Aber es bringt dir nichts, wenn ich dir mehr über mich erzähle. Bitte respektiere dies." Floyd sagte darauf: "Okay, ich versuche dies zu respektieren. Ich habe mich in den letzten Tagen um das Haus, ihre Pflanzen und die Tiere gekümmert. Ich hoffe ich habe nichts falsch gemacht." Der alte Mann erwiderte darauf auf dem Notizblock: "Vielen Dank, dass du dich um mich und das Haus gekümmert hast. Alles scheint in Ordnung zu sein. Dieses Mal war mein Zustand etwas schlimmer, es liegt wohl an der Situation, die mich zu sehr stresst. Aber jetzt geht es mir wieder gut." Floyd betrachte den alten Mann. Er hatte offensichtlich wieder mehr Energie und sah auch deutlich gesünder aus. Er lief im Haus umher wie zuvor. Dennoch war Floyd besorgt. Er erinnerte sich in diesem Moment an die Hühner im Flur. "Ich habe die Hühner im Flur gesehen. Warum haben Sie diese in Käfige unter Wanduhren gesetzt?" fragte Floyd neugierig. Der alte Mann lächelte leicht und schrieb auf den Block: "Am Anfang hat jede einzelne Wanduhr funktioniert und die korrekte Zeit angezeigt. Jetzt sind jedoch die Batterien leer. Ich wollte damit lediglich für mich zeigen, dass jedes Huhn eine begrenzte Lebenszeit hat. Es ist fast so als würden die Hühner verstehen, dass ihre Lebenszeit begrenzt ist, wenn ich sie in die Käfige bringe. Denn immer wenn ich sie in die Käfige unter den Uhren bringe werden sie seltsamerweise sehr ruhig. Aber allen geht es gut, ich lasse sie einzeln des öfteren raus. Ich esse kein Fleisch und gehe sehr behutsam mit ihnen um." Er ging in den Flur und öffnete einen der Käfige. Behutsam packte er das Huhn im Käfig. Als der alte Mann das Huhn aus dem Käfig nahm fing dieses sofort an laut zu gackern. Er brachte es vorsichtig nach draußen und Floyd folgte ihm. Draußen ließ der alte Mann das Huhn dann frei. Dieses lief laut gackernd umher und pickte dabei auf dem Boden herum. Der alte Mann zeigte Floyd wie er den Herd in der Küche benutzte. Zusammen mit Floyd briet er einige Spiegeleier und Kartoffeln. Floyd war überglücklich darüber nach mehreren Tagen eine vernünftige Mahlzeit zu sich nehmen zu können. Nach der Mahlzeit dankte Floyd dem alten Mann. Floyd fühlte sich nach der Mahlzeit deutlich gestärkt und stellte eine Frage an den alten Mann: "Haben Sie keine Familie oder Kinder? Fühlen Sie sich hier nicht manchmal einsam?" Der Mann starrte einige Minuten auf seinen Teller. Er schien dabei mit den Tränen zu kämpfen. Dann holte er den Notizblock heraus und schrieb: "Es würde mich nur traurig machen darüber mit dir zu reden, also bitte frag mich nicht nach meiner Familie. Ich habe beschlossen hier alleine zu leben und ich bleibe bei meiner Entscheidung. Natürlich fühle ich mich manchmal einsam. Ich habe zumindest die Tiere, die mir Gesellschaft leisten."
Danach stand er auf und rannte hastig in den Leseraum, wo die Bücher waren. Als er wieder in die Küche kam hatte er etwas in der Hand. Er legte es vor Floyd auf den Tisch. Floyd nahm es in die Hände und betrachte es eingehend. Es war ein Foto von dem Mann als er noch deutlich jünger war. Die Haare waren blond und kurz. Der Mann hatte ein breites Lächeln im Gesicht. Er stand in einem Wald und hatte sportliche Kleidung an. Im Hintergrund war ein See zu sehen. In seiner rechten Hand hielt der Mann einen großen Hecht in der Hand. Floyd konnte den Mann nur schwer wiedererkennen, denn er sah auf dem Foto sehr viel fröhlicher und vitaler aus. Floyd betrachtete das Foto gründlich und schaute dann den alten Mann an. Der Körper des alten Mannes war nun gebrechlich und dünn. Er hatte viele Falten im Gesicht und die Haare waren schneeweiß und dünn. Bisher hatte er den Mann noch nie lachen gesehen. Er hatte alle seine Fröhlichkeit verloren, die auf dem Foto noch deutlich zu erkennen war. Auf dem Foto schätzte Floyd den alten Mann vielleicht 20 Jahre alt. Floyd war neugierig und fragte den Mann deshalb: "Wie alt waren Sie auf dem Foto?" Der alte Mann schrieb auf den Block: "Ich war auf dem Foto 22 Jahre alt." Floyd blickte noch immer neugierig auf das Bild und sagte dann: "Wie ist es alt zu werden?" Der Mann starrte Floyd einige Sekunden an und schrieb dann etwas länger auf den Notizblock: "Vieles wird schwieriger mit dem Alter, manches aber auch leichter, weil du mehr Lebenserfahrung hast. Wichtige Menschen gehen aus deinem Leben. Dies ist für mich das Schwierigste. Mit dem Alter wirst du aber auch dankbarer für jeden einzelnen Tag, den du noch erleben darfst." Floyd blickte nochmals auf das Bild. Der Mann war auf dem Bild etwa so alt wie Floyd jetzt. Er hatte sich sehr verändert und es machte Floyd traurig, dass das Leben es mit dem Mann wohl nicht gut gemeint hatte.
Kapitel elf.
Die nächsten Tage waren sehr ruhig. Der alte Mann zeigte Floyd wie er sich um die Hühner und die Ziegen kümmerte. Manchmal gingen sie an einen Fluss in der Nähe und angelten. Floyd versuchte sich zu erholen und Kraft zu sammeln. Der alte Mann und Floyd redeten in diesen Tagen nicht viel miteinander. Abends machten sie von Zeit zu Zeit ein Lagerfeuer, saßen davor und blickten auf die lodernden Flammen. Dadurch, dass Floyd sich erholte, schien ihm die Situation nicht mehr so aussichtslos. Er entschied sich dafür, sobald er sich wieder fit genug fühlte, in die nächste Stadt zu wandern. Er wollte dabei auf dem Weg dorthin Zeichen setzen, um dann im Notfall wieder zu dem alten Mann zurückkommen zu können. Er hatte den alten Mann gefragt in welcher Richtung sich das nächste Dorf befand. Dieser hatte ihm die Wegrichtung gezeigt und mitgeteilt, dass die nächste kleine Stadt etwa 60 km entfernt war. Der alte Mann ist jedoch mehrere Jahre nicht mehr dort gewesen, er wusste folglich nicht, ob in diesem Dorf noch immer Menschen wohnten und wie es dort aussah. Es gab keinen Weg dorthin, man musste quer durch den Wald gehen. Insgesamt mehr als zwei Wochen war Floyd bereits hier bei dem alten Mann. Er fragte sich ab und an, ob ihn seine Mutter oder andere Mitglieder seiner Familie in München bereits suchten. Noch immer konnte er sich nicht an den Monat zuvor erinnern. Er wusste nicht, ob sich jemand um seine Wohnung kümmerte oder ob jemand seine Post ließ. Dies waren Dinge, die Floyd in den letzten Tagen durch den Kopf gingen. Doch die Freundlichkeit des Mannes erschwerte Floyd die Entscheidung diesen Ort zu verlassen. Der alte Mann war immer sehr freundlich und hilfsbereit. Er kümmerte sich sehr fürsorglich um ihn. Floyd fühlte sich wohl und geborgen an diesem Ort, alleine hätte er sich im Wald nicht lange zurechtgefunden. Deshalb war er dankbar, dass er nicht mehr alleine im Wald herumirren musste. Auch der alte Mann schien die Anwesenheit von Floyd zu genießen. Floyd wunderte sich warum dieser sich entschieden hatte hier in Abgeschiedenheit zu leben, denn er schien in keinster Weise beängstigend. Doch aus Respekt wollte Floyd nicht mehr näher darauf eingehen.
An diesem Abend saßen sie wieder gemeinsam vor dem Lagerfeuer und Floyd ergriff das Wort: "Ich fühle mich hier sehr wohl und danke Ihnen dafür, dass Sie sich um mich gekümmert haben. Ich habe mich jedoch dazu entschlossen morgen früh aufzubrechen