Emma und Richie sahen einander an, trafen die stumme Übereinkunft, nicht darauf zu reagieren: »Bald schicken sie irgendwelche D-Promis zu uns ins Camp.«
Richie lachte: »Ja, genau, und die müssen dann auch Erdbeerwein und Alkopops saufen.« Er reichte Emma einen Becher. Wieder streiften sich ihre Finger.
»Warum wurdest du denn hierher – ähem – eingeladen?«, fragte er, mit Betonung auf eingeladen.
»Sie haben mich in der Bibliothek erwischt.«
»Und wo liegt das Problem?«, fragte Potz.
»In der Bibliothek für Erwachsene«, antwortete Emma.
»Bei den richtigen Ausgaben? Den vollständigen? Den unzensierten?« Richie hatte etwas von einem aufgeregten Welpen.
»Du kleine Drecks**«, warf Potz ein und zwinkerte ihr zu.
Sie nickte. »Kein Wunder, dass du hier gelandet bist«, sagte Richie und griff nach ihrer Hand.
»Sie hätten sie auch einsperren können. Sich erwischen lassen – pfff – dumme ***«, meinte Potz.
»Die Richterin meinte, ich gehöre hierher, ich sei nicht ganz dicht.« Emma lächelte, nahm einen Schluck von dem Erdbeerwein. Eine eklig-süße, dicke Soße. »Und du?« Emma versuchte ihre Hand nicht zu bewegen, damit er sie nicht losließ.
»Etwas zu schreiben ist noch schlimmer, als etwas zu lesen.« Ritchie zwinkerte. »Und Jackie?«
»Ach, irgendetwas Aufwieglerisches.«
Jackies Kopf sank an Potz’ Schulter.
»Ich existiere nur, weil Sie mich sehen können, meine Damen und Herren und weitere, weil sie mit oder über mich sprechen, ansonsten bin ich inexistent«, murmelte sie. Aktionskunst vermutlich, dachte Emma. Danach starrte Jackie so ausgezoomt vor sich hin wie zuvor.
»Will jemand wissen, warum man mich hierher gesteckt hat?«, fragte Potz, aber sie schüttelten trinkend den Kopf. Potz zuckte mit den Schultern und zog an seinem Vaper. Für Emmas Geschmack genoss er das Camp zu sehr. Untermürbwies.
Richie murmelte: »Wenn die finden, dass sich dein Verhalten nicht geändert hat, schicken sie dich jedes Jahr her. So wie mich. Meine Schwester fährt jeden Sommer auf den Pferdehof und ich hierher.« Er nahm noch einen Schluck. »Oder sie stecken dich doch in den Knast, also in ein Rehabilitationszentrum.« Er lachte.
»Im Knast gibt es leider nichts zu trinken«, lachte Potz.
»Je mehr du von dir gibst, umso weniger kann ich mir vorstellen, warum du überhaupt hier gelandet bist«, fauchte Emma. Sie wusste beim besten Willen nicht, welche Kriterien Potz für seinen Aufenthalt hier prädestinierten. Hier sollten die Klugen von ihren Problemen der unnötigen Systemhinterfragung erlöst werden. »Probleme« sagte man nicht mehr, das hieß jetzt »Herausforderungen«.
»Miss Zum-Camp-verdonnert-fürs-Lesen!« Potz spuckte wieder aus.
Richie lächelte ins Dunkel: »Ja, klar, Potz ist Friedensstifter-in. In jeder Hütte gibt es einen, der der Lagerleitung erzählt, worüber wir reden, sobald sie uns aus den Augen lassen. Nein, das wäre zu einfach, nein, er muss sich mit uns anfreunden, so richtig, und ist eigentlich nur dafür da, uns auf die böse Seite zu ziehen, uns immer mehr zu trinken vorzusetzen und uns klarzumachen, dass wir uns keine Gedanken zu machen brauchen. Gehst du morgen zum Seelebaumeln?«
Emma schüttelte den Kopf. Potz spuckte wieder aus, vielleicht war es wahr, vielleicht kümmerte es ihn aber auch nicht. Potz war ein Arsch. Ein versoffener Prolet, der sich besonders gewitzt vorkam. Er drehte sich um und ging weg. Einer, der sie »Püppchen« nannte. Die Flasche an den Lippen, nahm er immer wieder einen Schluck.
»Morgen darf ich um diese Zeit surfen«, meinte Emma.
Nun zuckte Potz hoch: »Onlinezeit, sonic sonic!«
»Komm, gehen wir zur Hütte. Hier gibt es immer noch ein Morgen, bis zu dem man weiter trinken kann.« Richie führte sie an der Hand in Richtung Hütte. Emma ließ sich auf ihr Bett fallen, es knarrte. Zurück zur Natur, zurück zu quietschenden Lattenrosten, dachte sie. Richie hatte ihre Hand nicht losgelassen, warf sich ebenfalls auf ihr Bett, es quietschte noch lauter. Die Masse seines Körpers schien überall zu sein. Der Erdbeerwein hatte einen pelzigen Belag auf Emmas Zunge hinterlassen, auf Richies Zunge ebenso: Er küsste sie. Sie hatte damit gerechnet. Die alberne Händchenhalterei. Er versuchte, seine dicken Finger in ihre Jogginghose zu bohren, aber sie drängte seine Hand weg. »Ach, komm«, sagte Richie, wieder der Pelz in ihrem Mund. Ach, komm? Damit hatte Emma nicht gerechnet. Dabei hatte man ihr doch prophezeit, dass sie hier Menschen mit ähnlichen »Herausforderungen« treffen würde. Man sollte auf andere Gedanken kommen, nicht ständig über die Welt grübeln. »Ach, komm. Einen Abend dumm sein. Das muss. Triebabfuhr als …«, flüsterte er, dann ließ er sein Gesicht gegen ihren Hals fallen.
Richie hielt inne, die Tür knackte. Jackie schwebte in den Raum. Jackie, das schwebende Wesen. Potz trug sie und legte sie vorsichtig in ihr Bett, zerrte ihr die Jacke vom Körper und zog sachte die Bettdecke über sie. Eine Waschschüssel stellte er auf die Seite ihres Bettes, der sie das Gesicht zuwandte. Jackie stöhnte. Emma spürte Richies Atem an ihrem Hals, spürte, wie er abwartete, dass Potz wieder hinausgehen würde, um weiter zu saufen. Potz bemerkte Richie in Emmas Bett, griff nach dem Kragen seiner Jacke und zerrte Richie von ihr, schlug ihm ins Gesicht. Zweimal, dreimal. »Potz, you f***** a****!«, schrie Richie, ohne sich jedoch weiter zu wehren. Jackie wachte aus ihrem Delirium auf.
Emma sprang aus dem Bett, sie musste hinaus, sie hastete Richtung Teich. Schnelle Schritte. Sie wollte einfach nur weg von ihnen. Sie hörte ebenso schnelle Schritte hinter sich, jedoch leiser. Jackie schwebte ihr nach. Diesmal alleine. »Potz hat recht!«, rief sie ihr hinterher. »Er versucht nur, Ihr Freund zu sein, ich bitte Sie, bleiben Sie stehen! Das ist genau, was die hier wollen. Dass Sie etwas tun, wovon es vielleicht kein Zurück gibt. Emma, bleiben Sie stehen!«
»Lass mich in Ruhe«, knurrte Emma Jackie an. Das war erst der erste Abend. Der Beginn. In zwei Monaten würde niemand von ihnen mehr wissen, was er tat. Auch sie selbst nicht, dachte sie. Auf zu engem Raum, in Untermürbwies. Das verfluchte Camp. Verfluchter Richie. Jackie hatte offenbar wieder umgedreht. Sie hörte nun andere Schritte hinter sich. Schneller, ein Laufen. Hoffentlich nicht der Dünne im Trainingsanzug, dachte sie, aber es war Potz, der sie am Arm packte.
»Lass mich los. Lasst mich doch alle in Ruhe«, fauchte sie und versuchte, ihren Arm aus der Umklammerung zu lösen.
»Richie wird es auch irgendwann begreifen. Wir haben etwas zu erledigen, oder etwa nicht?«, sagte Potz, als müsste sie wissen, wovon er sprach. »Ich werde dir sagen, was du tust, bevor du morgen den Log öffnest. Dann sind wir hier in zwei Tagen wieder draußen. Das muss. Solange es die Onlinezeiten noch gibt, sollten wir die Kabelverbindung nutzen«, grinste er.
»Sch***-Untermürbwies«, murmelte sie. Potz nickte und hielt ihr wieder die Wodkaflasche hin. Sie griff danach. Die Flasche war kalt, die Wärme seiner Finger ließ sie zusammenzucken. Er legte seine Hand auf ihr Schulterblatt, und so machten sie sich auf den Weg zurück. Sie wusste nicht, warum es die Onlinezeiten nicht mehr geben sollte.
Ein heller Schrei war es, der sie hochschrecken und innehalten ließ. Drei Hütten weiter fand das Drama statt. Das war einer von ihnen, einer, der auf dem Dach seiner Hütte stand. »Er wird springen, oh mein Gott, er wird springen«, rief eine Stimme hysterisch. Gott, dachte Emma, hat damit auch nichts zu tun. Höchstens der Psychologe. Aber vermutlich würde man ihn einfach hormonell anpassen. Über den Körper konnte man doch alles wieder in Ordnung bringen.
Der Springer stand am Rand des Daches der Pfahlhütte, schien mit seinem Blick die Höhe zu vermessen. »Er wird doch nicht so dumm sein, zu springen«, sagte Richie plötzlich hinter ihnen, »da bricht er sich höchstens ein Bein, das ist nicht hoch genug.« Emma fragte, was denn passiert sei, ohne Richie anzublicken.
»Sie