Frau und Weltreise. Elke Klinger. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Elke Klinger
Издательство: Автор
Серия:
Жанр произведения: Книги о Путешествиях
Год издания: 0
isbn: 9783946769040
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       Mein Umbau

      Wir leiten seit vielen Jahren eine Firma, haben diese gegründet und aufgebaut. Der Gedanke, nach 25 Jahren Selbstständigkeit einmal etwas ganz anderes zu tun und zu erfahren, war für uns beide, Sten und mich, sehr reizvoll. Ganz der Frage folgend: Wann hast du das letzten Mal etwas zum ersten Mal getan? Nicht, dass es in unserer Firma nicht immer wieder neue Herausforderungen gibt. Doch einmal vollkommen neue Perspektiven einzunehmen, komplett unwissend zu sein, den Sichtabstand zu vergrößern, um anders sehen zu können, das ist es, was uns das Leuchten in die Augen treibt.

      Ich bin wohl so ein Planungsmensch. Ob ich mir das nun eingestehen will oder nicht. Ob das gut ist oder was auch immer. Klar ändert sich im Innen ständig etwas, doch die Grundzüge stehen. So scheint mir. Da haben wir nun in ach so weiter Ferne vor, für ein Jahr sämtliche Ufer hinter uns zu lassen. Wie das gehen soll, davon habe ich momentan nicht den blassesten Schimmer. Ich bin komplett eingepackt in unserer Firma. Vieles läuft über meinen Tisch. Die Kundenprojekte haben mich im Visier und ich sie. Wenn wir das wirklich durchziehen wollen, bedeutet das, einen kompletten Umbau meiner Selbst. Alles muss weg. Ist das dann mein eigener Ausverkauf? Ist ja nun nicht so, dass ich nahe der Sechzig wäre und ans Aufhören denken würde. Hm, nee, alles andere ist der Fall. Ich stehe mittendrin – in meinem Leben, im Geschäft, in meinem Tun. Irgendwas ist reizvoll an dem Gedanken, diese geplante Reise als Anlass zu nehmen, mich selbst umzubauen. Und irgendetwas daran ist bedrohlich. Reißt mir geradezu die Füße weg, wenn ich nur daran denke. Es ist, als ruckele ich selbst an der alleruntersten Karte meines eigenen Kartenhauses. Dumm nur, dass ich nicht daneben stehe, um zuzuschauen, sondern obenauf, da, wo sich die beiden höchsten Karten an der Kante nur zart berühren. Um nicht zu viel Kraft auszuüben, um ja nicht zu stürzen. Ja, da oben balanciere ich umher. Immer gewahr, abstürzen zu können. Und dann das. Da nehme ich mir doch allen Ernstes vor, mein Kartenhaus mit allem, was drin steht, angebaut, ausgebessert und geflickt wurde, abzutragen. Die große Frage nur: Was wird aus mir?

      Toll ist, ich habe noch Zeit. Ich muss nichts überstürzen, nicht hetzen. Torschlusspanik kann gern vor dem Tor Halt machen. Reden nicht immer alle von Chancen, wenn es darum geht, in eine neue Phase seines Lebens einzutreten? Ich frage mich nur gerade, ob ich so etwas überhaupt will. Eine neue Chance. Das, was ich tue, macht mir eine Menge Spaß. Ich weiß, wo ich hingehöre. Sehe Sinn in dem, was ich tue. Habe Erfolg.

      Klar, es ist ’ne Menge zu tun. Immer. Ja, wir schreiben gerade das Jahr 2008 und haben eine Wirtschaftskrise, die mir persönlich voll zu schaffen macht. Nicht, weil ich für die ganze Welt zuständig wäre, doch irgendwas kratzt mich innerlich ganz gewaltig, wenn ich an unsere Mitarbeiter denke, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob wir alle halten können. Vor allem, wenn ich auf die Projekte sehe, die definitiv weniger werden. Ich mache mich fertig. Es macht mich fertig. Ich weiß, das tut mir nicht gut, doch ich komme nicht umhin. Die Firma mit den Leuten ist einfach mein Ding. Ich habe sie mit aufgebaut, fühle mich verantwortlich für das, was da passiert oder eben auch nicht. Gern möchte ich in diesen Tagen den Satz aus mir herausschreien: „Ich geh dann mal die Welt retten!“

      Wenn es denn so einfach wäre. Ja, es lähmt mich zu sehen, wie alles um uns herum und in uns selbst stagniert. Wo soll ich den Optimismus hernehmen, den ich so gern verstreuen möchte, wenn ich ihn gerade selbst nicht in mir finden kann? Ist das mit dem Umbau meiner Selbst vielleicht doch keine so schlechte Idee? Ziehe ich mich doch einfach mal zurück und spinne herum, was ich denn gern täte, wenn ich denn könnte und wöllte und dürfte. Ich merke, wie ich beginne, an dem Gedanken Freude zu haben. Mich selbst wieder einmal neu erfinden. Da spüre ich doch tatsächlich einen Hauch an Vorfreude. Wollen wir mal sehen, wo das noch hinführt.

       Hallo Zukunft, bitte kommen

      Was für ein Luxus. Ich genehmige mir selbst, darüber nachzudenken, wo es mit mir hingehen soll, kann, darf. Das ist doch glatt ein Fest. Wann gibt’s das schon mal? Meinen Gedanken freien Lauf lassen. Ohne Leine und Beißkorb. Die Möglichkeiten sprudeln lassen, als wären sie ein frisch ausbrechender Vulkan. Schon merkwürdig. Noch ist alles beim Alten. Und doch ist alles anders. Ich freue mich auf das, was vor mir liegt. Ohne eine Ahnung davon zu haben. Allein der Gedanke daran lässt mich ein paar klitzekleine Millimeter weit über dem Boden schweben. Mich immer wieder neu zu erfinden scheint eines meiner Geheimrezepte zu sein, die ich mir selbst zubereite, derer ich mir bisher trotzdem nicht bewusst war. Welche Bedeutung es für mich hat, in den von uns selbst entwickelten Strukturen unserer eigenen Firma meine eigene Rolle alle paar Jahre zu wandeln. Hin zu dem, was mich zieht, anzieht, interessiert, beschäftigt und begeistert.

      Als Fotografin fing ich einmal an. Voll gepackt mit Leidenschaft habe ich fotografiert. Alles, was mir vor die Linse kam – Mode, Maschinen, Glaskannen und Mikrochips. Ich hatte mein eigenes Studio, zwei Lehrlinge, später Mitarbeiter. Tag und Nacht, Nacht und Tag stand ich im Studio, trug meine Generatoren durch die Gegend, habe Hintergründe auf- und wieder abgebaut. Schwerlasttransporter und Feinsinn in einem. Nach Jahren kam die Beratung dazu. Sie schlich sich durch irgendeinen Seiteneingang herein. Kam, um zu bleiben. So wurde die Nacht zum Tag des Bildes und der Tag voll mit Meetings. Konzepte, Konzepte. Strategiepapier hier, Prozessbegleitung da. Erst allein, später im Team. Der Beratungszweig wuchs, schlüpfte aus den Kinderschuhen raus in stattliche High Heels. Die Fotografie gab ich ab. Nicht auf. Sie blieb meine Herzensangelegenheit, mein Rückzug. Das Medium meines Ausdrucks. Ganz für mich allein. Ohne, dass ein Kunde mir noch einmal quergrätschen konnte. Zur Beraterin und Personalverantwortlichen gesellte sich später die Kommunikationstrainerin dazu. Echt gut zu wissen, wie ich das hinbekomme, heterogene Gruppen zu führen, Workshops zu moderieren, einzelne Personen in ihren Kommunikationsfähigkeiten voranzubringen und selbst haufenweise dazuzulernen. Hat Spaß gemacht, in den vergangenen Jahren. Doch da wartet noch was. Das merke ich, jetzt, wenn ich mir großmütig erlaube, darüber nachzudenken. Mich zieht es weg von Gruppen, den großen Getrieben und schweren Maschinen hin zu den ganz individuellen Menschen und ihren ureigenen Systemen. Denen, die vorn dran stehen. Das Sagen haben, wenn sie was zu sagen haben. Und sich manchmal nicht sicher sind, was sie sagen wollen.

      Seit Jahren bin ich selbst in Führungsverantwortung. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Kenne die klare Luft da oben und den rauen Wind, der dort weht. Je mehr ich darüber nachdenke, umso deutlicher wird mir, dass ich es für mich selbst in der Zukunft wieder klein und fein sehe. Das große Rad habe ich geschwungen. Das ist ein alter Hut für mich. Zu beweisen gibt es da nichts mehr. Spannender, und aus meiner Sicht sinnstiftend, brauchbar und von Nöten erscheint mir, Führung darin zu unterstützen, Entscheidungen bewusst und durchdacht zu fällen. Einen Ort des neutralen Austausches zu bieten. Begleitung in schwerwiegenden Fragestellungen auf Augenhöhe zu ermöglichen. Denke ich daran, wird mir innerlich wohl. Ich sehe da etwas, was mit mir und meiner Zukunft zu tun haben könnte.

      Hey, das wäre doch echt eine Vision. Ich nutze die Zeit für mich zu einer Ausbildung und entwickle gleichzeitig einen Nachfolger in meinem derzeitigen Job und Verantwortungsfeld, meiner Stellung und Position. Gut wäre, wenn wir das neue System vor unserem Reisestart auch schon leben könnten. Damit dann nicht alles so Knall auf Fall passiert. Das hieße, ich würde in kleinen Schritten aus dem heraustreten, was mich momentan beruflich ausmacht. Könnte vor unserer Reise schon mal ausprobieren, wie sich mein neuer Job anfühlt, und hätte danach meine bunte, wohlig duftende Blumenwiese, ein Feld, auf dem ich niemanden vertreiben müsste, das ich ganz für mich beackern kann. Ohne, dass die gesamte Maschinerie zum Stehen kommt. Wie verrückt ist das denn? Ich habe eine Idee, ein Gefühl, wo es für mich hingehen kann. Alles noch Zukunftsmusik. Und keine Ahnung, was wirklich daraus werden wird. Doch mein Gedanke ist klar. Eine Vorstellung davon, wo ich die Ausbildung machen könnte, habe ich auch schon. Mich hält kaum noch etwas still. Ich habe ein eigenwillig scharf gezeichnetes Bild von mir. Ich, in sieben Jahren. Ich werde Business-Coach! Coach für Menschen in Führung.