Karl Hellauers Wandlung im Zweiten Weltkrieg. Kurt F. Neubert. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Kurt F. Neubert
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783844277463
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das Vaterland forderten die Männer zum Handeln heraus; das war Gesetz. Und er vertraute auf Mutters Kraft, ihren Fleiß und ihre Energie, während Vater und er im Krieg die vaterländische Pflicht erfüllten.

      Die Zeit war herangekommen. Karl musste sich verabschieden. Er ging zu den Geschwistern ins Schlafzimmer. Plötzlich standen Tränen in Mutters Augen. Axel, das vierjährige Brüderchen, schlug die Augen auf und blickte verwundert hoch. Schon streckte er seine Ärmchen der Mutter entgegen. Sie hob ihn hoch, presste ihn an sich. Axel drückte ihr ein Küsschen auf die Wange. Erstaunt verzog er sein Mündchen und fragte: „Warum weinst du?”

      „Weil dein Bruder in den Krieg muss”, entgegnete die Mutter mit gebrochener Stimme. Axel verdrehte die Äuglein und überlegte.

      „Da geht unser Karli ja zum Papa”, platzte er stolz heraus.

      Verdutzt blickte Karl zur Mutter. Sie zuckte mit den Schultern. Plötzlich begriff Karl die Logik des kleinen Burschen. In seiner Vorstellung war der Papa im Krieg – so wurde ihm die Abwesenheit des Vaters erklärt, und wenn auch der große Bruder in den Krieg muss, geht er zum Papa. So einfach war das.

      Karl packte danach seinen Persil-Karton mit den persönlichen Sachen und rief den Geschwistern „Auf Wiedersehen” zu. Die Mutter begleitete ihn mit finsterer Miene bis zum Hoftor. Dort umarmte sie ihn noch einmal. Karl spürte das Zittern ihrer Glieder, als sie sagte: „Hör zu, Karl, sei niemals waghalsig. An der Front kann das tödlich sein. Und komm zurück!”

      Wehmütig verließ Karl mit gesenktem Kopf die Mutter. Jeder Schritt die Straße entlang wurde zur Qual. An der oberen Ecke der Allee drehte er sich noch einmal um und winkte.

      Mit Herzklopfen durchschritt er seinen Heimatort. Im Tal zwischen den Hügeln, dem Grün der Bäume und den fruchtbaren Feldern, lagen die Wurzeln seines bisherigen Lebens. Hier erfuhr er Schmerz und Leid, hier erlebte er Frohsinn und das Glück seiner Jugend; hier wurde sein Fühlen und Denken durch das Elternhaus, die Schule, das Evangelium, die Hitlerjugend und die Lehre geprägt. Noch einmal blickte er auf die hellen und dunklen Häuser, auf die liebevoll gepflegten Gärten und auf die lichten Gehölze. Hier hatte er als Knabe Bäume erklettert, Schluchten abenteuerlustig durchstöbert oder im Hochsommer in verbotenen Wasserbecken gebadet. Hier hatte er oftmals barfuß und glücklich die Feldwege im schnellen Lauf durchmessen. So war er zu einem jungen Mann herangereift, der nun seine sorglose Kindheit hinter sich ließ und einem neuen Lebensabschnitt entgegen ging. Wird er die wunderbare Heimat in ihrer einzigartigen Vielfalt noch einmal erblicken? Wird er vom Grund des Tales in klaren Nächten jemals wieder am samtenen Nachthimmel das Sternenglühen, ihr Funkeln und Glitzern erschauen dürfen?

      War es nicht erstaunlich und voller Zauber, wie in den Gärten oder am Bachesrand ungezählte Blumen in ihrer Vielfalt erblühten und sich dort Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Käfer am Nektar erfreuen. Ja, die Natur hielt Wundervolles für das Auge und das Herz bereit. Unsere heilige Mutter Erde ist wirklich schön und voller zauberhafter Überraschungen. Überall auf den Hügeln oder im Tal findest du beim Spazierengehen oder Wandern Erbauliches für Geist und Seele.

      Mit einem tiefen Seufzer verließ Karl das Dorf, ging über den Anger und erreichte ein Stück Erde, das im Dorf liebevoll die „Volkstedter Schweiz” genannt wird und romantische Gefühle hervorzauberte. Es ist ein malerischer, erhabener Winkel, wo mitten durch einen bergigen Höhenzug, sich ein Bach und ein Weg entlang schlängelt. Dort zu verweilen, gleicht einer himmlischen Lust. Im besonderen Glanz stellte sich die „Schweiz” dar, wenn unter einem blauen Frühlingshimmel die Obstbäume mit ihren zart weißen Blüten inmitten des kräftigen Grüns Wiesen und Hänge ihre Pracht entfalten. Am Bachufer erhob sich rechts ein Gehölz aus Holunder, Flieder, Rüstern und Hasel, das fest ineinander verwachsen war und der Vogelwelt ein Wohnparadies darbot.

      Am Grunde des Baches und an den flachen Uferzonen hüpften, im höchsten Grade unruhig, Bachstelzen. Ihnen zuzuschauen brachte Gewinn. Beständig waren sie auf Futtersuche; dabei hüpften sie leicht und schnell umher. Oder sie flogen immer kurz über dem Wasserspiegel, steigend und fallend im Bogen oder Schlangenlinien ziehend, von Stein zu Stein, wobei ihr schwarzgrauer Schwanz ständig wippte.

      Die Hauptstraße erreichend, die von Kirschbäumen umsäumt war, strebte Karl mit schnellen Schritten der Stadt entgegen. Sein Blick hing an den fernen Kirchtürmen und Gebäuden, die von der immer höher steigenden Sonne angestrahlt wurden.

      Vorbei an hastenden Menschen durchstreifte er neugierig und hoffend den Park. Aber auch dieses Mal war der Wunsch, dem Traummädchen zu begegnen, vergebens.

      Pünktlich achtzehn Minuten nach sieben Uhr verließ der Personenzug den Bahnhof. Karl saß am Fenster in der dritten Klasse. Dicke schwarze Rauchschwaden ausstoßend, zuckelte der Zug voran. Unten in der Ebene verschwand die Stadt im grauen Ascheregen und glühenden Funkenflug der Lokomotive.

      Halle an der Saale. Hunderte Menschen rannten überstürzt von einem zum anderen Bahnsteig. Über allem Bremsenkreischen, Lokomotivpfiffe, Lautsprecherdurchsagen, Rufe von Reisenden. Endlich stand Karl im Gang des überfüllten D-Zuges Hof – Berlin. Ein alles durchdringender Pfiff verkündete die Abfahrt. Stampfend, polternd und keuchend fuhr der Zug aus dem Bahnhof. Das Tempo der rollenden Räder erhöhte sich. Kühlend strömte der Fahrtwind durch die offenen Fenster. Eingeklemmt zwischen den Reisenden, blickte Karl sehnsüchtig auf die vorbeihuschenden Getreidefelder, Dörfer, Gärten, Waldstücke und Straßen. Vor ihm herrschte redselige Lustigkeit. Am Ende des Waggons tranken vier Unteroffiziere der Luftwaffe Cognak und brüllten: „Denn wir fahren gegen Engeland!”

      Unbarmherzig brannte die Sonne auf den dahin rasenden Zug. Schweiß brach aus allen Poren. In Wittenberg, wo mehrere Landser und Frauen mit Kindern den Zug verließen, suchte sich Karl einen Platz an einer offenen Abteiltür.

      Ein Gefreiter, Mitte zwanzig, gut aussehend, kraushaarig und mit dem Band des Eisernen Kreuz II. Klasse am offenen Uniformrock, unterhielt die Mitreisenden des Abteils mit Witzchen, Anekdoten und Zoten. Ein älterer Herr verbarg sein Gesicht hinter einer Zeitung. Der Gefreite bot eine Runde Zigaretten an. Karl lehnte ab. „Nichtraucher!”

      Der Gefreite blickte auf Karls Karton und fragte lachend: „Aha, Anreise zum Barras, was?”

      „Erraten”, erwiderte Karl, ohne sich weiter zu äußern. In der Fensterecke, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, saß eine junge Frau mit einem Baby in den Armen. Es schlief bis kurz vor Jüterbog. Dann fing es plötzlich an zu schreien, kräftig und laut. Das sanfte Hin-und Herschwingen half so wenig wie leises Einreden. Da öffnete die junge Mutter, einer Bäuerin gleich, ohne Scham ihre Bluse und schenkte dem Kind die Brust. Wie verdurstet, sog das kleine Wesen hochzufrieden an der Quelle des Lebens die ihm zustehende Mahlzeit.

      Beim Anblick des trinkenden Kindes stieg dem Gefreiten ein hemmungloses Flackern in die Augen. Sich vorbeugend, fragte er die stillende Mutter hinterhältig: „Ist das süße Kind ein Knabe?”

      „So ist es”, bestätigte sie lächelnd und ohne Argwohn. Darauf der Gefreite im unerhört frechen Ton: „Wären Sie, junge Frau, auch noch bereit ihre zweite Brust frei zu machen? – Ich möchte nämlich zu gern mit ihrem lieben Buben Brüderschaft trinken.”

      Gespannte Stille trat ein. Alle blickten versteinert auf den Gefreiten, in dessen Gesicht nur ein boshaftes Grinsen stand. Karl hielt angesichts der bodenlosen Frechheit die Luft an. Auch erwartete er einen Ausbruch von Beschimpfungen von der jungen Mutter. Doch nichts dergleichen geschah – aber nur für wenige Augenblicke. Zuerst errötete die Frau, und sie schien auch für Momente verwirrt zu sein. Doch flink setzte sie das Kind ab, knöpfte die Bluse zu, senkte die hellen Lider über den graugrünen Augen, so dass nur ein glitzernder Spalt blieb. Sie fixierte den Unhold in heiliger Unschuld. Danach hob sie unendlich langsam ihr Gesicht dem Unhold entgegen und schleuderte ihm eine gepfefferte Antwort entgegen: „Sie, Herr Gefreiter, sind ein Dummkopf mit Spatzenhirn, würde man bei uns im Dorfe sagen, dessen Verworfenheit einem blökenden Ziegenbock gleich kommt!”

      Bevor jedoch die Frau noch weiter reden konnte, war der Gefreite aufgesprungen und verließ wie ein begossener Pudel fluchtartig das Abteil. Bis Berlin ließ er sich nicht mehr blicken.

      Langsam näherte sich der Zug