Auch wenn Beratung nach den zuvor benannten Entwicklungsschritten heute gefestigt erscheint, bleibt sie immer flexibel in ihrer Ausgestaltung, um sich an neue Erfordernisse anzupassen. Etwas zugespitzt formulieren Sickendiek, Engel und Nestmann daher am Beispiel der Erziehungsberatungsstellen, dass diese »ihr Label zwar beibehalten, ihre Inhalte aber je nach therapeutischer oder beratungskonzeptioneller Mode verändern« (Sickendiek, Engel & Nestmann 2008, 32). Ein weiteres Beispiel für die stetige Entwicklung ist die Onlineberatung, die erstmalig 1995 von der Deutschen Telefonseelsorge angeboten wird und mittlerweile ein fester Bestandteil vieler Beratungseinrichtungen geworden ist (Kühne & Hintenberger 2013; Nestmann, Engel & Sickendiek 2013). Ein ganz aktuelles Beispiel ist die Migrationsberatung, zu der auch die Flüchtlingsberatung gehört. Ihrer ganz eigenen Geschichte der Beratung, wie sie Wagner (2007) beschreibt, wird unter den heutigen weltpolitischen Geschehnissen sicherlich bald das nächste Kapitel der Entwicklung beigefügt.
Weiterführende Literatur
de la Motte, A. (2015). Was macht Beratung und Psychotherapie in Erziehungsberatungsstellen aus? Einblicke in Theorie und Praxis. Tübingen: dgvt.
Großmaß, R. (2000). Psychische Krisen und sozialer Raum. Eine Sozialphänomenologie psychosozialer Beratung. Tübingen: dgvt.
Gröning, K. (2010). Entwicklungslinien pädagogischer Beratungsarbeit. Anfänge – Konflikte – Diskurse. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.
Krämer, R. (2001). Die Berufsberatung in Deutschland von den Anfängen bis heute – eine historische Skizze. Informationen zur Beratung und Vermittlung in der Bundesanstalt für Arbeit, 16. 1097–1105.
Schubert, F.-C. (2015b): Die historische Dimension von Beratung. In: Hoff, T. & Zwicker-Pelzer, R. (Hrsg.). Beratung und Beratungswissenschaft. Baden-Baden: Nomos. 28–44.
1.2 Was ist psychosoziale Beratung?
Dieter Wälte & Anja Lübeck
1.2.1 Begriffsbestimmung
Beratung ist ein populärer Container-Begriff, der für alles und jedes verwendet wird. In Abgrenzung dazu umfasst psychosoziale Beratung jede professionell-unterstützende Form der Interaktion mit Klienten in psychosozialen Arbeitsfeldern, die auf die Diagnostik, den Umgang mit und die Bewältigung von psychosozialen Belastungen, Einschränkungen, Notlagen und Krisen gerichtet ist (vgl. Sickendiek et al. 2008). Sie lässt sich durch zwei Professionalisierungskriterien, das Vorhandensein einer handlungsfeldspezifischen Wissensbasis (z. B. gesetzliche Grundlagen, Faktenwissen zum Problem, Kausalmodelle) und einer feldübergreifenden Kompetenzbasis (z. B. Kommunikationsmethoden, Methoden der Gesprächsführung) von geringer qualifizierten Unterstützungsangeboten abgrenzen (vgl. Engel, Nestmann & Sickendiek 2004). Darüber hinaus kann psychosoziale Beratung noch durch eine besondere Prozesskompetenz beschrieben werden, bei der es dem Berater gelingt, die handlungsfeldspezifische Wissensbasis und die feldübergreifende Kompetenzbasis in eine klientenzentrierte Balance zu bringen. Dabei sind die Strukturelemente von Beratung (Klient, Berater, Setting, Thema bzw. Problem, Freiwilligkeit, Leidens- und Handlungsdruck, zeitliche Rahmenbedingungen) so vielfältig und zum Teil flexibel zu handhaben, dass sich daraus unterschiedliche Kontexte psychosozialer Beratung ergeben (Stimmer 2020). So kann psychosoziale Beratung z. B. als zentrale Aufgabe in psychosozialen Beratungsstellen, Lebens- oder Familienberatungsstellen, als kurzfristige Tätigkeit im Rahmen von konfliktintervenierender Schulsozialarbeit, als Überbrückung zu einer Psychotherapie oder als langfristige Begleitung und Beratung im Rahmen von betreutem Wohnen stattfinden. Der Fokus kann dabei auf verschiedenen Altersgruppen in der Kinder-, Erwachsenen- oder Altenarbeit liegen, in Einzel-, Familien- oder Gruppensitzungen oder im ambulanten, teilstationären und auch stationären Rahmen realisiert werden. Die Komplexität möglicher Ausprägungen psychosozialer Beratung wird bereits deutlich, wenn man lediglich zwei zentrale Dimensionen, wie z. B. die Frequenz bzw. die Dauer der Beratung sowie die Ausprägung bzw. den Schweregrad des in die Beratung eingebrachten Problems, in den Mittelpunkt stellt.
Steckbrief psychosoziale Beratung
1. Form professioneller Beratung
2. Entwicklungsorientiertes Unterstützungsangebot für Einzelne, Paare, Familien, Gruppen, Organisationen und Institutionen
3. Vielfältige Tätigkeits- und Aufgabenbereiche, z. B. Familien- und Erziehungsberatung, Suchtberatung, Schuldnerberatung, Schwangerschaftskonfliktberatung
4. Schwerpunkte bilden herausfordernde Lebenssituationen der Klienten: Krisen, Probleme, kritische Lebensereignisse, nicht-pathologische Problemfälle
5. Ausgeprägter Bezug zum sozialen Netzwerk der Klientel
6. Alltagsorientierung, d. h. Hilfe für den Klienten zur Bewältigung des Alltages
7. Ziele sind Prävention, Rehabilitation, Problembewältigung, Krisenbewältigung, Entwicklungsförderung, Kompetenzentwicklung; nicht: Heilung von Störungen bzw. Wiederherstellung der Gesundheit
1.2.2 Verhältnis zur Psychotherapie
Obwohl einige der oben genannten Arbeitsbereiche gleichermaßen Felder der Psychotherapie sind und die psychosoziale Beratung historisch eng mit dieser verbunden ist (vgl. Sickendiek et al. 2008), ist das Verhältnis beider Disziplinen nicht einheitlich geklärt. Nestmann (2002, 2005) stellt diesbezüglich unterschiedliche Vorstellungen des Verhältnisses von Psychotherapie und Beratung dar (
Abb. 1.1: Verhältnis zwischen psychosozialer Beratung und Psychotherapie (eigene Darstellung)
• Integrationsmodell: Beratung ist ein Teil der Psychotherapie bzw. Psychotherapie ist ein Teil der Beratung.
• Ablegermodell: Beratung ist »kleine Psychotherapie«. Zentrale Frage: Ist das noch Beratung oder schon Psychotherapie?
• Differenzmodell: Beratung und Psychotherapie sind professionell in Therapie und Praxis völlig verschieden.
• Kongruenzmodell: Beratung und Psychotherapie unterscheiden sich nicht. Es gibt keinen Unterschied zwischen Beratung (›Counselling‹) und Psychotherapie (›Psychotherapy‹).
• Überschneidungsmodell: Beratung und Psychotherapie lassen sich theoretisch