Christentum und Europa. Группа авторов. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Группа авторов
Издательство: Bookwire
Серия: Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie (VWGTh)
Жанр произведения: Документальная литература
Год издания: 0
isbn: 9783374058549
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ERÖFFNUNGSVORTRAG

       Viele Götter, ein Staat: Religiöse Vielfalt und Teilhabe im Einwanderungsland

       Heinz Faßmann 1

       1. Einleitung

      Der Beitrag greift die politisch heikle Frage nach dem Verhältnis von Religion und Staat und den Geltungsbereich religiös legitimierter Regelungen und Vorschriften auf, die im Gegensatz zu einem staatlichen Regelungssystem stehen können. Religion ist nicht nur eine persönliche Hinwendung, sondern auch ein strukturbildendes Element in der Gesellschaft, von der weitreichende Geltungsansprüche ausgehen können. Und in einer multireligiösen Gesellschaft existieren nicht nur ein Geltungsanspruch, sondern viele, die miteinander auch in Konflikt geraten können. Darüber soll im Folgenden berichtet werden.

      Der Titel dieses Beitrags ist wortidentisch mit dem Titel des Jahresgutachtens des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration aus dem Jahr 2016, an dem der Autor dieses Beitrags als Sachverständiger und federführender Schriftleiter beteiligt war.2 Der Sachverständigenrat wurde damals von Prof. Dr. Christine Langenfeld geleitet, die seit 2016 das Amt einer Richterin im deutschen Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe bekleidet, und die fachlich das Jahresgutachten entscheidend geprägt hat.

       2. Demographische Veränderungen

      Der erste hier zu erörternde Gesichtspunkt betrifft die demographischen Veränderungen als verursachender Faktor für die neue religiöse Vielfalt. Die Ausführungen beziehen sich auf Österreich, sind aber inhaltlich auf die neuen Einwanderungsländer in Europa anwendbar.

       2.1 Zuwanderung verändert die Demographie der Religionsgemeinschaften

      Österreich, Deutschland und viele andere, wenn auch nicht alle Staaten Europas sind zu Einwanderungsländern geworden – und das ohne politische Absicht und ohne Plan, vielmehr aufgrund der faktischen Ereignisse.3 Seit Beginn der 1960er Jahre war in Österreich der internationale Wanderungssaldo fast immer positiv, in Deutschland bereits seit Mitte der 1950er Jahre. Allein im vergangenen Jahrzehnt summierte sich in Österreich der kumulierte positive Wanderungssaldo auf mehr als 500.000 Personen. Ein mittelgroßes Bundesland kam einwohnermäßig in einer Dekade gleichsam hinzu.

      Mit der Zuwanderung kam es zu einer religiösen Pluralisierung in der Gesellschaft, die bis dahin in dieser Form nicht vorhanden war. Zum einen verbreiterte sich das Spektrum der christlichen Religionen (zum Beispiel durch die Orthodoxie), zum anderen wurden in Deutschland oder Österreich kaum vertretene Religionen (wie etwa der Islam) importiert und zwischenzeitlich verschwundene (und im Fall des Judentums: nahezu ausgelöschte) Religionen neu etabliert. Dadurch wurden Deutschland und Österreich zu multireligiösen Ländern, was im populären und journalistisch geprägten Diskurs als Bereicherung und Chance bezeichnet wird, ohne jedoch die neuen latenten und manifesten Konflikte zu sehen.

      Eine exakte und verlässliche statistische Abbildung der Veränderungen der Religionszugehörigkeit ist in Österreich interessanterweise nicht mehr möglich, von Veränderungen der Religiosität will ich gar nicht sprechen. Vor dem Hintergrund der Säkularisierung hat man nämlich die Frage nach dem Religionsbekenntnis in der Volkszählung 2001 aufgegeben. Das Bundesministerium für Inneres wollte diese Frage damals nicht mehr, weil sie nicht der unmittelbaren öffentlichen Verwaltung und Planung dient – so in etwa die Zusammenfassung der damaligen Meinung. Die Angabe über das Religionsbekenntnis blieb in Österreich jedoch ein Merkmal auf der Meldebestätigung, welches aber nicht verpflichtend auszufüllen ist und von der Meldebehörde auch nicht überprüft wird. Und außerdem stellt die Angabe des religiösen Bekenntnisses auf der Meldebestätigung immer nur eine Momentaufnahme dar, denn Kirchenaustritte oder auch Eintritte müssen nicht nachgeführt werden. Die Angaben aufgrund der Wohnsitzmeldung sind daher bestenfalls Grundlagen für weitere Erhebungen, aber keine exakten Werte. Die Diskussion über die religiöse Strukturierung der Bevölkerung bewegt sich auf einem statistisch dünnen Eis. Will eine Religionsgemeinschaft wichtiger sein als sie ist, kann sie bei der Zahl ihrer Gläubigen ruhig etwas nachlegen, genau belegen kann man es ohnehin nicht.

      Was sich anhand der Volkszählungsergebnisse für Österreich dennoch zeigen lässt, ist der Rückgang der Bevölkerung, die sich zur römisch-katholischen Kirche bekennt, die in Summe aber noch immer die stärkste religiöse Kraft in Österreich darstellt. In den ersten beiden Volkszählungen nach dem Zweiten Weltkrieg gaben noch fast 90% der Bevölkerung an, der römisch-katholischen Kirche anzugehören, 2001 waren es nur mehr rund 74 %. Die quantitativ zweitwichtigste Gruppe ist jene ohne Bekenntnis oder ohne Angaben. 1951 lag der entsprechende Wert noch bei rund 4%, 2001 bereits bei rund 15%. Einen quantitativen Rückgang verzeichnen auch die evangelischen Kirchen A.B. und H.B.: von rund 6% im Jahr 1951 auf knapp 5% im Jahr 2001, während die sich zum Islam bekennende Bevölkerung von statistisch nicht existent in der Nachkriegszeit auf 4% im Jahr 2001 zunahm. Schließlich ist die Steigerung der Gruppe der »sonstigen Bekenntnisse« zu erwähnen, die den Buddhismus ebenso mit einschließt wie die Zeugen Jehovas und 2001 bei 3% lag.

      Seit 2001 hat sich diese Entwicklung fortgesetzt und auch beschleunigt, wie eine Fortschreibung zeigt. Der Anteil der römisch-katholischen Gruppe ist von 74% im Jahr 2001 auf 64% im Jahr 2016 gesunken. Den größten Zuwachs verzeichnete die Bevölkerungsgruppe ohne religiöses Bekenntnis, deren Anteil von 12% im Jahr 2001 auf 17% im Jahr 2016 gestiegen ist. Sowohl die orthodoxen als auch muslimischen Bevölkerungsgruppen sind ebenfalls stark gewachsen. Der Anteil der Orthodoxen hat sich von 2% auf 5 %mehr als verdoppelt, und der Anteil der Muslime stieg von 4% auf 8%. Die relativen Anteile der Angehörigen sonstiger Religionsgemeinschaften und der 5%-Anteil der protestantischen Bevölkerung haben sich dagegen nicht verändert. Letzteres ist möglicherweise ein Effekt der Zuwanderung aus Deutschland, die das Sinken des österreichischen Anteils an den Protestanten kompensiert.

       2.2 Prognosen der wachsenden und schrumpfenden Religionsgemeinschaften

      Migration stellt eine wichtige Triebfeder der quantitativen Veränderungen der Religionsgemeinschaften dar. Anne Goujon, Sandra Jurasszovich und Michaela Potančoková haben das im Rahmen einer vom ÖIF in Auftrag gegebenen Studie akkurat und überzeugend simuliert.4 Sie haben die religionsgemeinschaftliche Zusammensetzung der Bevölkerung in Abhängigkeit von der Zuwanderung systematisch untersucht und unterschiedliche Simulationsrechnungen vorgelegt.

      Diese Berechnungen basieren auf einer Ausgangsbevölkerung nach Alter, Geschlecht und Religionszugehörigkeit, die anhand der Volkszählung 2001 erstellt wurde. Für die weitere Fortschreibung der Bevölkerung nach Religionszugehörigkeit benötigten sie drei grundsätzliche Angaben: die Anzahl der Geburten nach Alter und Religionszugehörigkeit der Mutter, die Anzahl der Sterbefälle nach Alter, Geschlecht und Religionszugehörigkeit sowie die Zuwanderung ebenfalls nach Alter, Geschlecht und Religionszugehörigkeit.

      Aufgrund der empirischen Analyse zeigte sich, dass die Unterschiede der Lebenserwartung nach Religionszugehörigkeit zu vernachlässigen waren. Alle leben im Durchschnitt gleich lang, ob Protestanten, Katholiken oder Muslime, wenn nach Männern und Frauen differenziert wird. Das überrascht vielleicht, ist aber ein Faktum. Die Autorinnen haben daher auf diese Differenzierung verzichtet.

      Wichtiger sind die Angaben über die Geburten nach dem Alter der Mutter und deren Religionszugehörigkeit. Die Protestanten zählen dabei zur Gruppe mit der niedrigsten Fertilität. Eine evangelische Frau bekommt durchschnittlich nicht mehr als 1,3 Kinder im Laufe ihres Lebens, eine muslimische Frau aber rund 2,3. Die katholischen Frauen bekommen mehr Kinder als die evangelischen, aber ebenso deutlich weniger als die Muslima.

      Schließlich nahmen die Autorinnen bestimmte Zuwanderungen nach Alter, Geschlecht und Religionszugehörigkeit an, wobei sich die Religionszugehörigkeit