Philipp ist real. Am nächsten Mittag kommt er angeradelt. Im Gepäck hat er leckeres Hundefutter. „Hallo, mein Kleiner! Wie geht es dir? Ich habe gestern gleich meine Eltern gefragt. Sie haben mir versprochen, dich hier heraus zu holen. Sie wollen in den nächsten Tagen mit mir hierher kommen, dann werden sie mit deinen Leuten sprechen und Papa wird dich abkaufen. Dann kommst du mit zu uns und es wird dir gut gehen“, plappert Phil munter darauf los. Pfeffi alias Janusch versteht das alles nicht so richtig, aber er fühlt, dass etwas ganz Besonderes passiert. Er freut sich, den Jungen zu sehen und springt ihm soweit es die Kette zulässt entgegen. Philipp hat heute einen Rucksack dabei. Er zieht das olivgrüne Stoffbehältnis von seinem Rücken und wirft es vor sich und dem Hund auf den Boden, kniet sich nieder und holt verschiedene Dinge daraus hervor: Neben einer Büchse Hundefutter kommen zwei Näpfe, ein Löffel und eine Flasche mit frischem Wasser zum Vorschein. Phil öffnet mit Hilfe einer Metalllasche den Deckel der Büchse. Er stellt dem Hund die Näpfe vor die Nase und löffelt in den einen das Futter, in den anderen gießt er Wasser. Das Futter duftet, doch Pfeffi traut sich nicht davon zu fressen. Er schaut zu dem Jungen hoch. Dieser lächelt seinen neuen Freund an und nickt mit dem Kopf in Richtung der Näpfe. Diese Aufforderung versteht der Hund sofort. Er schlingt gierig das Hundefutter herunter und leckt das Schüsselchen bis auf den letzten Krümel leer. Auch vom Wasser trinkt er reichlich und Phil gießt ihm nach. Danach holt er noch einen groben Handfeger aus seinem Rucksack und fegt den gesamten Platz um die Hütte und auch darinnen sauber so gut es eben geht. Auch an eine weiche Bürste hat der Junge gedacht. Er streicht damit vorsichtig über das verfilzte Fell des Hundes, um ihn nicht zu ziepen. Pfeffi ist begeistert, so umsorgt zu werden. Philipp setzt sich zu ihm und krault noch eine Weile den Kopf des Tieres. Dann sagt er: „Nun muss ich nach Hause. Ich habe heute viele Hausaufgaben zu erledigen, außerdem will ich Mutti noch im Haus helfen. Vati ist heute schon sehr früh ein paar Tage zu einem Seminar gefahren. Wir sind also beide allein. Mutti ist nicht gern allein. Sie leidet dann immer sehr. Ich komme aber morgen nach der Schule wieder zu dir. Das verspreche ich. Wenn Papa wieder da ist, bringe ich meine Eltern zu dir, dann wird alles gut.“ Philipp steht auf, wirft den Rucksack auf seinen Rücken und marschiert zu seinem Fahrrad, das wieder im Gras liegt. Er winkt Pfeffi noch einmal zu und radelt los.
Der Hund bleibt zurück. Doch heute ist er nicht traurig, weil er weiß, dass der Junge wiederkommen wird und er freut sich schon darauf. „Das Leben kann ja doch noch schön sein“, denkt sich Pfeffi. Dann legt er sich gesättigt nieder. Mit dem Kopf auf den Vorderpfoten schläft der kleine Hund ein. Wieder einmal träumt er von der Wiese mit den duftenden Kräutern und Blumen. Er erkennt Hunde wie er einer ist und hört plötzlich Matthi rufen: „Pfeffer, Pfeffiiii…, wo steckst du? Komm zu mir!“ Pfeffi fühlt sich wohl und ganz warm. Er folgt weiter diesem wunderschönen Traum und genießt die Blumen und wohlriechenden Kräuter. Pfeffi macht es sich in seinem tiefen Schlaf gemütlich. Er legt sich auf die Seite, streckt alle Viere von sich und atmet tief und gleichmäßig. Bald umhüllt ihn Dunkelheit. Es ist wohl in der Zwischenzeit Nacht geworden. Es vergeht Zeit, sicherlich etliche Stunden. Und plötzlich hört Pfeffer eine bekannte Stimme: „Komm Pfeffer, es ist Zeit zu gehen!“ Pfeffer öffnet die Augen. Da ist wieder die Wiese und es ist strahlend heller Sonnenschein, ein bisher unbekanntes klares Licht. Nur dieses Mal ist die Wiese ganz nah und er erkennt Ondra, seine Mutter. Sie wiederholt: „Komm, mein Sohn, es ist Zeit zu gehen!“ Pfeffi versteht in diesem Augenblick nicht die Tragweite der Worte. Er steht auf und fühlt eine unendliche Freiheit. Nichts schmerzt mehr, nichts stört mehr. Ihm ist nicht kalt und auch nicht heiß. Er kann klar sehen und wunderbar hören. Was ist denn nur passiert? Wieso ist alles so leicht, hell und schön und wieso fühlt er sich so wohl, gesund und jung? Ondra steht vor ihm und wedelt wie zur Begrüßung mit dem Schwanz ihm entgegen. Pfeffi bemerkt, dass er nicht mehr angekettet ist, außerdem scheinen seine Füße den Boden nicht zu berühren. Er ist erstaunt, dass er sie gar nicht bewegen muss, um fortzukommen. Es genügen allein die Gedanken. Diese sind voller bunter Farben, Freude und Freiheit. Die Gefühle sind nur noch positiv und voller Glück. Es ist alles paradiesisch schön, wunderschön. Pfeffi wirbelt herum und landet irgendwo über dem Erdboden. Mutter Erde hat mit ihrer Anziehungskraft keinen Einfluss mehr in diesem Universum. Es bedarf wohl einiger Übung bis man mit dieser Schwerelosigkeit richtig umgehen kann. Doch was soll`s. Auch kopfüber ist alles genauso schön. Nur die Aussicht ändert sich in den verschiedenen Stellungen.
Und jetzt versteht der kleine Hund, was passiert ist. Er hat seinen irdischen Körper entdeckt, der noch angekettet, auf der Seite liegend sich vor der alten Hütte befindet, die ihm so viele Jahre ihr spärliches Obdach gegeben hat. In diesem Moment hört Pfeffi ein Geräusch, das von dem Tretmechanismus eines sich nähernden Fahrrades herrührt. Er sieht, wie sich Philipp diesem Ort nähert. Er möchte ihm entgegen laufen, um ihm auf seine Weise zu sagen, dass nichts Schlimmes geschehen ist und dass es ihm bestens geht, dass Phil keine Angst haben muss, dass es keinen Schmerz mehr gibt, wo er nun ist. Ach, alles hätte Pfeffi gern erklärt. Doch es ist Ondra, die ihren Sohn zurückholt: „Pfeffi, du kannst die Lebenden nicht erreichen. Du kannst deinem Freund in seiner Welt nicht mehr begegnen. Es ist nur ganz wenigen Geschöpfen vergönnt, sich im Tod und im Leben zu treffen. Hier drüber entscheidet eine große Macht und keiner weiß, wann und ob es geschieht. Da kann man nichts machen!“ So kann Pfeffi die folgende Szene nur noch beobachten: Philipp lässt sein Fahrrad ins Gras sinken. Auf dem Rücken hat er wieder seinen Rucksack geschnallt. Diesmal hat er für Pfeffi neben Futter eine warme Decke mitgebracht, die er unter dem Arm geklemmt hat. Er hüpft lächelnd auf die Hütte zu und ruft nach Janusch. Im nächsten Augenblick entdeckt er das tote Tier und erstarrt. „Jan…..? Um Himmels willen!“ Er lässt die Decke fallen und kniet nieder. Seine Hände tasten Pfeffi ab, doch der Junge kann nichts finden. Er nimmt den Hund in seine Arme und beginnt schrecklich zu weinen. So verharrt er mehrere Minuten. Dann streicht sich Phil die Tränen aus den Augen und erlöst Pfeffi von der Kette, er legt ihn in die Decke und wickelt