Inzwischen war Javier von der Erkundungstour als Erster wieder zurück, allerdings ohne positives Ergebnis. Wir sahen uns gemeinsam den ballistischen Bericht noch einmal genauer an. Ich fragte, ob man vielleicht irgendwo den Namen des Schützen erfahren könne. Javier überlegte kurz und bat Lejoly um Erlaubnis, einen seiner Computer benutzen zu dürfen. Er ging auf die Suche nach der Akte des damaligen Banküberfalls. Als er fündig wurde, rief er Margrit und mich aufgeregt an den Bildschirm. Erstaunt jubelte er auf Spanisch: »Pura vida! Unglaublich, Nili, wie konntest du das ahnen?« Dabei zeigte er auf den Namen eines der drei bewaffneten Täter, die die Filiale gestürmt hatten: Mohammad ibn-Seif, ein damals fünfzigjähriger Marokkaner, als berufslos und im Brüsseler Bezirk Molenbeek wohnhaft eingetragen, war derjenige, der den Wachmann lebensgefährlich angeschossen hatte. Er war dafür zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden, hatte seine Strafe abgesessen und war inzwischen entlassen worden. »Ihr werdet es kaum glauben«, sagte Javier jetzt auf Englisch, »aber ich fand zufälligerweise genau diesen Namen – und sogar zwei Mal – auf der Gästeliste des Hotels Bergerac, etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt. Ich habe dem natürlich keine besondere Beachtung geschenkt, suchten wir doch nach deutschen Namen. Aber jetzt erkannte ich diesen sofort wieder!«
»Das Kompliment geht an dich zurück, mein lieber Javier!«, lobte ich ihn begeistert auf Spanisch. »Prima, dass du ein solch gutes Gedächtnis hast! Gute Arbeit, pura vida!«
Er rief gleich Piter auf dem Handy an und Inspecteur Lejoly ebenfalls, um seine beiden Leute zurückzubeordern. Lejoly ordnete schließlich seinen Stellvertreter, INPP Breitkopf, an, uns in ihrem Dienstwagen zum Hotel Bergerac zu fahren. Zusammen mit Javier und Margrit verlangten wir nochmals Einsicht in das Gästeregister, das uns der Concierge Monsieur Palmier bereitwillig vorlegte. Da stand er tatsächlich: Mohammad ibn-Seif, 59 Jahre alt, geboren in Safi, Marokko, wohnhaft 28, Rue de Cheval Noire im Ortsteil Sint Jans-Molenbeek im Westen Brüssels. Zu seinem ersten Aufenthalt vom 6. bis zum 7. Juni vor zwei Jahren war er in Begleitung einer zweiten, namentlich nicht registrierten Person angereist. Monsieur Palmier hatte den Gast empfangen und ihn sich eintragen lassen, den zweiten allerdings erst am nächsten Morgen im Frühstücksraum bemerkt, kurz bevor die beiden wieder abreisten. Ja, jetzt, da wir nachfragten, erinnerte er sich daran, dass sie in einen grünen Kombi mit deutschem Kennzeichen eingestiegen waren, der an seiner Kupplung einen Anhänger zog, auf dem sich ein zweiter Wagen befand. Das passte haargenau zu dem Termin, an dem Uwe Wilkens den Renault Mégane an das Autohaus Stolzen verkauft hatte. Bei seinem zweiten Besuch, der vom
15. bis zum 17. Oktober des gleichen Jahres stattfand, hatte Palmier diesen Gast wiedererkannt und sich durch gezielte Befragung vergewissert, dass er diesmal allein angereist war. Allerdings war ibn-Seif wohl ohne Wagen gekommen. Zumindest konnte sich Monsieur Palmier nicht entsinnen, einen solchen gesehen zu haben. Nachdem wir mit diesen bedeutenden Ergebnissen in die Inspektionswache am Marktplatz zurückgekehrt waren, rief Inspecteur Lejoly den Leiter der Brüsseler Föderalen Kriminalpolizei in der Rue Royale im Ortsteil Molenbeek an, den er persönlich kannte. Dieser leitete unmittelbar eine Suchmeldung betreffend Mohammad ibn-Seif ein und versprach, seine ›Opsporing Afdeling‹ (Abteilung für Vermisstensuche) würde sich melden, sobald sie etwas erfahren hätten. Der hilfsbereite Bütgenbacher Polizeiinspektor sagte zu, diesen an meine Dienststelle weiterzuleiten.
Margrit und ich bedankten uns sehr bei all den Kollegen, die uns derart wirksam unterstützt hatten, und ich wollte sie – bevor wir am nächsten Tag unsere Rückreise antreten würden – alle zu einem typisch flämischen Abendessen einladen. Ich bat den Herrn Inspektor, einen Tisch in einem guten Restaurant zu reservieren.
Also verbrachten wir einen sehr vergnüglichen Abend in einer gediegenen und gemütlichen Gaststätte, die in einem urigen Gebäude mit einer alten und schön gestalteten Steinfassade untergebracht war. Wir betraten das Lokal über eine zweiseitig begehbare Außentreppe, die mich an ähnliche Hochparterreeingänge an einigen Gebäuden an der Gracht Am Fleeth in der Glückstädter Innenstadt erinnerte. Man servierte uns in einer Scheibe Kochschinken eingewickelten und im Backofen gratinierten Chicorée als Vorspeise sowie den sehr schmackhaften und reichhaltigen Gentse Waaterzoi Kip, einen traditionellen flämischen Eintopf, wobei der ehemalig darin enthaltene Fisch heute üblicherweise durch Hühnerfleisch ersetzt wird. Nach dem Essen fragte ich, ob mir jemand die Rezepte für diese Gerichte verraten könne. Meine