Das Maulwurfigste an ihm ist die Tatsache, dass er sich unter der Erde, im Haus des Dachses, wohler fühlt als am Fluss, wohin ihn die Wasserratte immer zerren möchte. Gleichzeitig ist der Maulwurf loyal und ordentlich und macht im Zweifelsfall jeden ihm aufgehäuften Unsinn mit. Autofahren mit dem Kröterich? Okay! Den Kröterich am Autofahren hindern, weil zu gefährlich? Ach so. Ja, genau!
Monty-Python-Star Terry Jones hat die vielen Zeichentrickfilme und -serien auf Basis des Romans 1996 um eine mit echten Menschen ergänzt, zehn Jahre später folgte eine weitere von Rachel Talalay. Schon die allererste Verfilmung 1947 war eine, in der Menschen in Tierkostüme schlüpften. Sie beruhte auf einer Theateradaption von A.A. Milne, dem Autor von Pu der Bär, dessen Sohn Der Wind in den Weiden abgöttisch liebte.
Die negative Assoziation von Maulwürfen mit Spionage kam übrigens erst später auf. Die prägte John Le Carré mit seinem Roman Dame, König, As, Spion.
GATTUNG: Talpa europaea
ERNÄHRUNG: Gänseleberpastete, Champagner
MENSCHLICHKEITSFAKTOR:
KNUDDELFAKTOR:
FILMDARSTELLER: Jack Newmark, Steve Coogan, Lee Ingleby
DIE BUNTEN AMEISEN
AUTOR: Gabriel García Márquez
TITEL: Hundert Jahre Einsamkeit (aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason)
ORIGINALFASSUNG: 1967
Nirgendwo anders in der Literatur wird die Macht der Natur so eindrücklich geschildert. Menschen, die von dem da draußen Albträume haben, fürchten sich vor genau diesem Bild: den Fluten von kreuchenden und fleuchenden Insekten, die alles und jeden nicht nur unter sich begraben, sondern auch Stück für Stück verspeisen.
Dieser magische Realismus ist von filmischer Echtheit, und das, obwohl Gabriel García Márquez sich zeitlebens gegen eine Verfilmung seines (buchstäblichen) Jahrhundertromans sträubte.
Und obwohl die Buntheit der bunten Ameisen niemals im Detail besprochen wird: Ist jede einzelne Ameise bunt? Eingefärbt mit Zuckerlösung wie in Pseudowissenschaftssendungen im Fernsehen? Oder handelt es sich bei den hormigas coloradas um einen vielfältigen Schwarm monochromer Individuen, die womöglich die Buntbären bei Walter Moers unbewusst inspirierten?
Es ist eine der vielen Ursulas in Hundert Jahre Einsamkeit, eine Art Stammesmutter, die die Natur über Generationen hinweg noch mit Mühe unter Kontrolle hält. Mit ungelöschtem Kalk, den sie in die Löcher streut, tötet sie die Ameisen ab, ohne die Plage je ganz ausmerzen zu können.
Auch Ursula unterliegt dabei jedoch Regeln des Schicksals. Eine von einem fahrenden Zigeuner ausgesprochene Prophezeiung an die Familie Buendía im Dorfe Macondo besagt: »Der Erste der Sippe wird an einen Baum gebunden, und den Letzten werden die Ameisen fressen«.
Es darf nicht als Spoiler gewertet werden, wenn man andeutet, dass es genauso auch passiert. Und, auch so eine Regel: Nach dem Regen (der immerhin vier Jahre, elf Monate und zwei Tage anhält) muss Ursula, auch wenn es sie anstrengt, sterben.
Das ist das Stichwort für die bunten Ameisen: Plötzlich trauen sich die farbenfroh leuchtenden Tiere, die eben während dieser »Sintflut gediehen waren«, schon tagsüber auf die Veranda, und Ursulas Nachfolgerin Amaranta Ursula schafft es nicht mehr, sie im Keim zu bekämpfen. Sie vergisst beinahe die Kalkkur, kommt mit dem Ausrotten nicht mehr hinterher, und jeder Tag Überleben ist nur ein neuer Stellungskrieg gegen den Wucher der Natur.
Obendrein sind sie auch noch laut und machen ein Getöse, von dem man nachts kaum schlafen kann. Nein, es gibt aus menschlicher Perspektive wirklich nichts Gutes über diese Tiere zu berichten.
Am Schluss haben sie es prophezeiungsgetreu sogar auf Kinder abgesehen – und da hört der Spaß endgültig auf. Genauso übrigens wie die Familie Buendía.
GATTUNG: Solenopsis invicta
LEBENSRAUM: Macondo
ERNÄHRUNG: Allesfresserinnen
ARTENSCHUTZ: nicht empfohlen
HERKUNFT: Regen
BESTES GEGENMITTEL: Kalk
MERKMAL: Leuchten
NATÜRLICHE FEINDIN: Ursula I.
GOTH
AUTOR: Kenneth Oppel
TITEL: Silberflügel (Aus dem Amerikanischen von Klaus Weimann)
ORIGINALFASSUNG: 1997
Drei Folgen, ein Prequel: In diesem aus Fledermaussicht geschilderten Epos tummeln sich naturgemäß zahlreiche Tiere. Allen voran Schatten, der Protagonist, der sich im Laufe des ersten Teils der Silberflügel-Trilogie vom verniedlichten Flaumbaby zum Mann fledermausert – zum »Batman« sozusagen.
Goth hingegen ist nicht nur ein Tier, sondern auch ein veritabler Schurke. Zu Beginn des vierten Kapitels von Silberflügel flieht er mit seinem Kumpanen Throbb aus einer Art Reptilienzoo und lacht sich den unfreiwilligen Abenteurer Schatten und seine neu gewonnene Freundin Marina an, damit diese ihm den Weg dorthin weisen, wo Schattens Kolonie überwintert.
Goth und Throbb kommen aus dem Dschungel und sind daher nicht für den Winter ausgestattet. Als sie gefangen wurden, hatten sie gewissermaßen keine Zeit zu packen.
Sie unterscheiden sich aber noch durch etwas anderes von den jungen, leicht beeinflussbaren, aber natürlich – Coming-of-age as Coming-of-age can – tapferen und wissbegierigen Jünglingen: Sie sind größer, gefräßiger, haben keine Angst vor Vögeln und ernähren sich bevorzugt von Fledermausfleisch. Genau, Goth ist ein Vampir, ein Kannibale vor dem Herrn.
Ach ja, apropos Herr: Auch das bietet Stoff für eine Kontroverse. Denn der Kampf zwischen Gut und Goth, also zwischen Schatten und Böse, ist auch ein religiöser: Während die Silberflügel an Nocturna glauben, eine Nachtgöttin, die ihnen angeblich versprochen hat, eines Tages wieder die Sonne sehen