Ein andermal erschreckt sie Thor und den Riesen Hymir bei deren Angelausflug, als sie sich von ihnen in ihrer gigantischen, wahrhaft welthaltigen Größe aus dem Wasser ziehen lässt. In altnordischen Zeiten wurde kein Motiv so oft bildnerisch verewigt wie dieses.
Am Ende der Welt schließlich, zur Ragnarök, der Götterdämmerung, großspurig auch »Weltenbrand« genannt, wird die Midgardschlange den Himmel vergiften. Sie wird nebenbei auch Thor vergiften, der aber gerade lange genug durchhalten wird, um – bei ihrer dritten Begegnung – der Schlange mit seinem berühmten Hammer (genannt: Mjölnir) den Garaus und danach noch genau neun Schritte zu machen, bevor alles, alles endet.
Und eine neue Welt entsteht. Vielleicht ist die ja dann gut genug, um von wohlmeinenderen Ouroboroi umarmt zu werden.
GATTUNG: Serpens ouroboros?
LEBENSRAUM: die ganze Welt
NAMENSBEDEUTUNG: Erdenzauberstab
BERUF: Kosmologin
ÖKOLOGIEVERSTÄNDNIS: umfassend
FABELTAUGLICHKEIT:
SOZIALVERHALTEN: FREE HUGS
ERNÄHRUNG: Schlangenschwanz
NATÜRLICHER FEIND: der Hammer
DIE STRUDLHOF-SCHLANGE
AUTOR: Heimito von Doderer
TITEL: Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre
ORIGINALFASSUNG: 1951
Dieser eine Moment in der Pubertät, der das ganze Leben verändert, den man nie vergessen und der das Erwachsenenleben prägen wird! Nicht der erste Kuss oder etwas ähnlich Konkretes – sondern etwas, das, obwohl es einen nicht erkennbar betrifft, tiefe Wunden der Rührung hinterlässt.
Heimito von Doderer schaut mithilfe eines gigantischen Exemplars der Gattung Tropidonotus natrix in geradezu satanischer Manier ins Innere seiner Figur René Stangeler. Obergescheit, wie der 16-jährige Gymnasiast nun einmal ist, kennt er natürlich sofort den lateinischen Namen seiner bahnbrechenden Entdeckung, ist sich aber nicht sicher, ob er sie auf Deutsch als Lindwurm, Natter oder Blindschleiche bezeichnen soll. Oder – wenn man Doderers obsessiven Fetisch kennt: vielleicht ja als Drachen. Denn nichts anderes ist diese Schlange für den Verfasser als das Maximum an Fantasy, das er sich in sein hyperrealistisches, komplexes Monumental-psychogramm einer Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts einzufädeln erlaubte.
»René fühlte jede Bewegung der Natter, als sei er’s selbst, der sie ausführte, nur gleichsam umgeschlagen in sein Inneres: das Treffen auf ein Hindernis beim Kriechen, Ast oder Stein, während der lange Leib noch in Bewegung blieb und sich in engeren Windungen hinter dem zögernden Kopfe nachdrückend staute, das plötzliche Vorgleiten des nun gestreckten Halses aus dem entstandenen Knäuel heraus und dessen Übergehen in flachere Bogen, Schub um Schub …«
Und so weiter. Erotik pur. Stangeler überlegt denn auch, dass »eine Ringelnatter von solcher Ausgewachsenheit Schnürungen an seinen Armen bewirken könnte, die weit wirksamer wären als jene, wie sie auch die kleineren Stücke des öfteren versucht hatten«. Was immer er genau damit meint, jedenfalls entbrennt – kurz bevor er dann das Mädel Paula Schachl kennenlernt – »Liebe zu dem Tier«.
Die hält aber nicht allzu lange, denn bald schon wird ihm bewusst, »daß er hier zum ersten Male beim Anblick einer Schlange Ekel empfand. Vielleicht weil sie so groß war.« Vielleicht hält es die Online-Ausgabe der Welt deshalb für angemessen, von einer Würdigung ebendieser Szene durch den Autor Daniel Kehlmann direkt auf die Schlagzeile »Riesenschlange verschlingt Känguru auf Golfplatz« zu verlinken.
In diesem Wald, in der ekligen Natur jedenfalls, beginnt der Ernst des Lebens für René Stangeler. Wiewohl am Land, »schaltet« Doderer in Renés Kopf von diesem Sündenfall direkt weiter zur Assoziation von »Rampe über Rampe, Bühne über Bühne«. Und dort schlängelt sich – genau – die Strudlhofstiege.
GATTUNG: Tropidonotus natrix
LEBENSRAUM: Österreich
GIFTIG: nein
STÄRKE: windige Wendigkeit
FABELTAUGLICHKEIT:
BEUTESCHEMA: Stangeler
ERFOLGTE HÄUTUNGEN: >100
FASCHINGSKOSTÜM: Drache
KASSIOPEIA
AUTOR: Michael Ende
TITEL: Momo
ORIGINALFASSUNG: 1973
Freundlich sind Schildkröten ja meistens – wie das auch all jenen zu raten ist, die nicht schnell laufen können. Kassiopeia aber ist freundlich, obwohl sie allen anderen etwas Wichtiges voraushat: Wie Kassandra aus der griechischen Mythologie sieht sie, was künftig geschehen wird! Der Haken, und da wären wir wieder beim Rat, nur schön freundlich zu bleiben: Sie sieht gerade mal eine halbe Stunde in die Zukunft und hat nur begrenzte Panzerfläche, auf der sie sich schriftlich – in Versalien – ausdrücken kann.
»KOMM MIT!«, sind also ihre ersten Worte an (die obendrein ob ihrer Kindheit und nicht vorhandenen Schulbildung eher leseschwache) Momo, um diese zu ihrem Herrchen Meister Hora zu entführen, der mit ihrer Hilfe plant, die Zeit – und in weiterer Folge die Welt – zu retten.
Die lebende Laufschrift wäre, hätten die grauen Herren die Herrschaft an sich gerissen, wahrscheinlich als Maskottchen für irgendwelche peinlichen Werbungen missbraucht worden. Um das zu verhindern, hat sich Meister Hora einen Wettlauf gegen die Zeit – für die Zeit einfallen lassen. Er begibt sich in eine Art Winterschlaf, friert die Zeit also ein und schickt Momo und Kassiopeia mit einer Stundenblume auf den Weg. Sie haben also eine Stunde, um die grauen Herren zu stoppen.
Dass es ausgerechnet eine sich ungern beim Frühstücken stören lassende und auch sonst recht gemächliche Schildkröte