Marc irrte durch und markierte sein Revier
Er hatte es mit der Psychoschnalle einfach nicht mehr ausgehalten, war umgestiegen und in eine andere Richtung gefahren. In Frankfurt hatte er sich ein Auto „geliehen“ und damit fuhr er durch die Straßen, um junge Hasen aufzureißen. Allerdings waren die Hasen scheinbar alle im Wald, denn es kamen nur Frauen zu ihm, die ihm alle sehr professionell vorkamen, weshalb er es vorzog, sich zu verziehen. Marc setzte sich in eine Kneipe, unterhielt dort ein paar Stammtischbrüder mit ein paar frauenfeindlichen Zoten, spielte ein wenig Karten und begab sich dann in die Fußgängerzone, um Leute anzuquatschen. Relativ schnell landete er bei Mormonen, Zeugen Jehovas und ähnlichem Fußvolk, so daß er die Flucht ergriff, nachdem ein Scientologe festgestellt hatte, daß Marc nur 0,025 Prozent seines Gehirns benutzte, ein unterirdischer Wert, der beide Männer gleichermaßen geschockt hatte. In einer Spielhölle beschäftigte sich der zweiarmige Gauner Marc dann stundenlang mit einem einarmigen Banditen, bevor er sich an eine hübsche Frau ranmachte, die wenig später die Rückbank seines „Leihwagens“ kennenlernen durfte. Tief befriedigt verließ Marc ohne Polo, aber mit BMW, die Kapitalistenstadt, als plötzlich, wie aus dem Nichts, ein schwarz gekleideter junger Mann auf dem Beifahrersitz auftauchte. „Toller Trick. Ich schätze, Dir gehört wohl der Wagen“, mutmaßte Marc. „Schwachsinn! Du hättest Charlotte nicht verlassen dürfen“, moralisierte Mephistopheles. „Es war vorbei. Diese Frau hatte mich durchschaut. Mit so einer kann ich nicht zusammenleben.“ „Sie hat Dich doch so akzeptiert wie Du pißt.“ „Hat sie eben nicht. Bei ihr mußte ich immer zum Pinkeln aufs Klo.“ „Also wirklich, das ist ja unerhört. Aber darum geht es gar nicht. Ihr gehört zusammen und das weißt Du auch.“ Jene Worte beeindruckten Marc sehr. Er konnte Andere leicht verletzen, doch er selbst war noch viel verletzlicher, vielleicht sogar hypersensibel. Die Schwuchtel in der schwarzen Lederjacke hatte vielleicht gar nicht mal so Unrecht. Bei Charlotte hatte er nie arbeiten müssen, auch wenn sie manchmal deswegen rumgemosert hatte. „Und was jetzt?“ begehrte Marc zu wissen. „Du mußt nach Rom fahren.“ „Und wieso?“ „Weil Du sie dort wiedersehen wirst.“ „Geht das nicht etwas einfacher?“ „Nein.“ „Na gut. Und wie komme ich da hin?“ „Alle Wegen führen nach Rom.“ „Depp. Alle Wege führen überall hin.“ „Herr, schmeiß Hirn vom Himmel. Also, Du fährst durch Bayern, aber laß Dich nicht in Deinem gestohlenen Auto von der bayerischen Polizei erwischen, die hat eine Aufklärungsquote von über 60 Prozent und auch nicht von der CSU, die hat auch über 60 Prozent geschafft. Dann fährst Du durch Österreich, vergiß aber nicht, die beschissene Maut zu bezahlen, ach ja, über den heißen Brenner darfst Du auch fahren und in Italien mußt Du nur aufpassen, daß Du nicht in eine Demo oder einen Massenstreik gerätst. Alles klar?“ „Ich denke schon. Aber warum hilfst Du mir? Was bringt Dir das?“ „Jeden Tag eine gute Tat, Du weißt schon. Ich will doch später mal in den Himmel kommen.“ „Armer Irrer. Der einzige Gott hier bin ich“, versicherte Marc. Sekunden später war der Diabolische bereits verschwunden und unser Kleingauner machte sich frohen Mutes auf den Weg nach Italien. Für Luzifer dagegen ging der Streß erst richtig los. Schließlich war Marc nur einer von Vielen, besser geschrieben einer von Vieren. Also hatte Sadi noch drei Personen auf den rechten Weg nach Rom zu führen.
Wenn Du nicht schreien kannst, dann schreib’
„Hat mich dieses Schwein doch tatsächlich sitzenlassen“, echauffierte sich Charlotte in Gedanken, bevor ihre Verdrängungsmechanismen einsetzten und sie an ihrem Buch weiterschrieb: „Könige sind ungerecht. Sie gestehen sich alle Rechte und Freiheiten zu, Andere dagegen müssen ständig nach ihrer Pfeife tanzen. Sie verletzen unentwegt die Gefühle ihrer Mitmenschen, machen Witze auf deren Kosten, ertragen es aber nicht, wenn man es ihnen mit gleicher Münze heimzahlt. Schwache Könige wittern überall Verrat, sie möchten alles kontrollieren, bestimmen und planen. Treten unerwartete Situationen ein, so sind sie völlig überfordert. Wenn Könige ein Problem haben oder verletzt sind, dann ziehen sie sich in ihre Höhle zurück. Dort schmollen sie vor sich hin und wundern sich darüber, daß niemand zu ihnen kommt, obwohl sie es waren, die einen Stein vor ihre Höhle gerollt haben. Könige sind sehr vergeßlich; sobald ihnen ein Diener nichts mehr nützt, schmeißen sie ihn aus ihrem Leben.“ Bei jenem Satz schluckte Charlotte. War auch sie nur eine Dienerin gewesen, die nun ausgetauscht worden war? Gleich darauf tippte sie weiter: „Könige verursachen die meisten Probleme durch ihr Verhalten selbst, sehen das jedoch niemals ein. Sie schaden sich und suchen doch die Schuld immer bei den Anderen.“ Plötzlich fiel Charlotte auf, daß sich ein junger Mann zu ihr ins Abteil gesetzt hatte und sie beobachtete. „Is was?“ erkundigte sie sich. „Hab ich schon“, entgegnete er. Da mußte sie lachen und legte den Laptop beiseite. „Wohin soll die Reise gehen?“ interessierte sich Beelzebubi. „Nach Nirgendwo.“ „Toll. Das kann ich nur empfehlen. Es ist großartig dort.“ „Das freut mich. Und wohin fahren Sie?“ „Nach Rom.“ „Aha. Und was machen Sie dort?“ „Jemanden besuchen.“ „Interessant. Kann ich mitkommen?“ „Natürlich. Aber jetzt bitte ich Sie, mich zu entschuldigen. Ich habe noch ein paar wichtige Dinge zu erledigen. Wir sehen uns in Rom. In München das Umsteigen nicht vergessen“, verabschiedete sich Satan auf einmal und verschwand. Charlotte war überrascht und überlegte eine Weile. Als das zu nichts führte, machte sie sich wieder an ihre Arbeit: „Könige sind arme Schweine. Sie möchten geliebt werden, aber sie lieben sich selbst nicht. Sie behandeln immer die Menschen, die um sie herum sind, am schlechtesten. Könige kann man fast nicht therapieren. Man müßte sehr viel Geduld haben, ihnen behutsam ganz kleine Aufgaben zuteilen, sie ständig loben, ihr mickriges Selbstwertgefühl aufbauen, ihr Versagen akzeptieren und die eigenen Bedürfnisse hinten anstellen. Könige ziehen wahnsinnig viel Energie von ihren Mitmenschen ab und können unheimlich anstrengend sein. Aber im Grunde sind sie nur in der Kindheit zu sehr verwöhnte Fratzen, bemitleidenswerte Wesen, die darauf warten, daß ihnen geholfen wird, obwohl sie niemals sich selbst, sondern immer die Anderen für krank halten. Der rote Teppich verblaßt, der Schein trügt nicht länger. Die Fassade hat aufgehört zu glänzen und die Maske wurde heruntergerissen. Lieben