TRAANBECKS AUSNAHMEZUSTAND. Christian Schwetz. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Christian Schwetz
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783738004830
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und Glücksgefühl, sein bisheriges Leben in Frage stellend, und sein künftiges und diese Erfahrung. Er hat sich an seinem Arbeitsplatz krank gemeldet. Es ist eine Art von Krankheit, wenn Geist nicht zu Körper passt und Fähigkeit nicht zu Möglichkeit.

      Fjodor ist Henk dann besuchen gekommen. Sie waren so etwas wie Freunde, wenn auch nicht gute Freunde. Sie waren kein WIR. WIR können es schwer nachvollziehen. Dieses Schweigen, dieses neben den Worten stehen. Wenn da zwei sind, die nicht Teil eines Ganzen sind.

      WIR wollen erzählen, daher müssen WIR die Worte finden. WIR wissen, wer WIR sind. WIR kennen und verstehen die Welt.

      Der Tisch, das Bett, das Schwein, der Hund. WIR wissen mehr von unseren Hunden als von unseren Betten. Und zugleich weniger, weil ein Hund mehr ist als ein Bett. Aber wie das war, als Fjodor und Henk sich gegenüber standen, in der Tür vor Henks Wohnung, können WIR nicht empfinden. Dieses „Fast ein Freund“, und doch nicht Teil von einem WIR.

      „Komm rein“,

      sagte Henk, und meinte: geh weg.

      Und meinte: hilf mir,

      und meinte: sei mein Freund,

      und meinte: lass mich in Ruhe,

      und wollte

      und wollte nicht.

      „Komm rein.“

      Kapitel 1

      Henk deutete auf das schwarze Sofa. Fjodor erinnerte sich an die Geschichte, die Henk ihm beim ersten Besuch über die bunt zusammengewürfelte Einrichtung erzählt hatte.

      Henks Eltern hatten alle Möbel, mit denen sie nicht mehr zufrieden waren, an den Sohn weitergegeben. Sie hatten sich selbst neue gekauft und Henk die Überbleibsel als großzügige Unterstützung untergejubelt:

      „Um mir den Trennungsschmerz abzumildern“, hatte Henk gesagt. „Damit ich in vertrauter Umgebung bleibe“.

      Fjodor stieg über Schokoladepapiere, die ebenso auf dem Boden lagen wie ein halbleeres Päckchen Salzgebäck. Er hob ein angefangenes Chipssackerl vom Sofa und stellte es auf den Tisch zu einer offenen Orangensaftpackung.

      „Wie bei mir“ sagte Fjodor und schmunzelte. Er wartete auf eine Reaktion. Henk sieht nicht gut aus, dachte er. Und dieses Chaos passt nicht zu ihm. Miriam hat vielleicht Recht, sich Sorgen zu machen.

      Krankheiten waren Fjodor zuwider. Er wollte nichts mit Krankheit, Gebrechlichkeit, Vergänglichkeit zu tun haben. Aber er hatte Miriam versprochen nach Henk zu schauen.

      „Was ist los?“, fragte er endlich.

      „Nichts“.

      Dann kann ich ja wieder gehen, dachte Fjodor. Henk sagte nichts, tat nichts, lümmelte nur lethargisch in seinem Sessel neben Fjodor.

      Fjodor überlegte, wie er Miriam gegenüber rechtfertigen konnte, Henk nicht geholfen zu haben. Dass er Hilfe brauchte, war offensichtlich. Aber wieso von ihm? Er dachte an Anna, die ihm vor einigen Tagen vorgeworfen hatte, nicht beziehungsfähig zu sein. Weil er sich nicht auf Gespräche und Gefühle einlassen würde, weil ihn Menschen nicht interessieren würden, keine Freunde, keine Bekannten, sie nicht, nicht mal für sich selbst würde er sich interessieren.

      „Du warst jetzt ein paar Tage daheim. Bei dir im Büro weiß niemand etwas. Das passt nicht zu dir.“

      „Was weißt du schon von mir?“, erwiderte Henk.

      Nichts, dachte Fjodor. Ich weiß nichts von dir, und ich will auch nichts wissen. Aber so was darf man ja nicht sagen. Und gut siehst du wirklich nicht aus.

      „Ich weiß zumindest, dass du sonst immer eine blitzblanke Wohnung hast“, sagte er. „Ich weiß, dass du vor ein paar Wochen sogar tagelang mit Fieber ins Büro gegangen bist. Und dass du, als du endlich doch daheim geblieben bist, am Tag dreimal im Büro angerufen hast. Ich weiß, dass Miriam sich Sorgen macht, und mich gebeten hat, nach dir zu schauen. Ich kenn dich vielleicht nicht besonders, aber ein paar Bilder hab ich trotzdem von dir.“

      „Bilder, Bilder, seit ein paar Tagen weiß ich nicht mehr, was Bilder sind. Vielleicht werd ich verrückt.“

      Mit den weit ausholenden Armbewegungen, mit denen Henk diese Bilder förmlich in die Luft zaubern wollte, während er seinen ohnehin klein geratenen Körper immer wieder aus dem Sofa hievte und zurücksinken ließ, wirkte er auf Fjodor wie ein Hampelmann, an dessen Schnur jemand zu heftig zog.

      „Hey komm, erzähl, wozu sind Freunde da“ forderte Fjodor ihn auf, weiterzureden.

      „Freunde. Worte. Bilder. Die Buchstaben, die das Wort ‚Freunde’ bilden. Ich bin irgendwie zwischen die Buchstaben gefallen. Diese Zeichen, diese Striche, diese Punkte; die bedeuten alle viel mehr, und auch weniger, als wir glauben“, sprudelte es so heftig aus Henk, dass seine Stimme sich überschlug.

      „Also ich glaub erst mal gar nichts, ich hör dir nur zu“, versuchte Fjodor ihn zu beruhigen, aber nicht abzuwürgen.

      „Du, mir zu. Wo – zu? Bei was hörst du mir zu, und wieso zu - hören? Das Wort könnte auch hin – hören heißen. Oder her -hören. Im Gegensatz zu weg – hören. Ganz zu Schweigen von auf – hören, ab – hören, um– hören..“

      Wo führt das hin, dachte Fjodor. Er wollte nicht über die Bedeutung von Worten philosophieren. Aber Anna hatte gesagt, er könne nicht zuhören. Er könne nicht senden, er könne überhaupt nicht kommunizieren. Und Henk sandte jetzt, oder versuchte es zumindest, auch wenn Fjodor nicht wusste was und wieso. Fjodor überlegte, alles hinzuwerfen und zu gehen. Dann hätte Anna eben Recht, und er konnte nicht kommunizieren. Jedenfalls nicht mit Verrückten. Miriam sollte selbst nach dem Irren sehen, wenn ihr daran lag. So schlecht schien es ihm auch wieder nicht zu gehen. Oder ich könnte versuchen, einmal nicht wegzulaufen, dachte er. Probieren, ob es einen Weg gibt, Henk zu verstehen.

      „Du sagst, ich hör dir zu, wo – zu, bei was hörst du mir zu? Und wieso das Wort zuhören heißt, und nicht hinhören, oder herhören oder aufhören, oder so?“, wiederholte Fjodor Henks Worte. So wörtlich wie möglich, hatte er in einem Seminar gelernt. Ohne Interpretation, ohne Wertung. Und entgegen Fjodors Erwartung, dass diese merkwürdige Technik, alles wie ein Spiegel zurückzuwerfen, den Freund noch rasender machen würde, sah er mit Verwunderung, wie sich die Gesichtszüge seines Gegenübers merklich entspannten.

      „Es war so verrückt“, sagte Henk.

      „Es war so verrückt“, wiederholte Fjodor.

      „Stimmt, verrückt. Wenn ich die Sessel umstelle, und den Tisch, dann ist das Zimmer auf einmal ein ganz anderes Zimmer. Die Möglichkeit, was alles in diesem Zimmer stecken kann. Und so war es am Computer. Die Daten. Die Worte. Die Buchstaben. Strom. Nicht Strom.“

      „Stop“, sagte Fjodor. Und versuchte, Henks Worte zu wiederholen und ihm zu signalisieren, dass er ihn gehört hatte. Und ich bemühe mich, dich zu verstehen, dachte er. Wenn es mir auch schwer fällt.

      „Also ein Tisch ist ein Möbelstück, meiner hier zum Beispiel aus Holz. Und er steht mit anderen Möbeln hier im Zimmer. Und alle diese Möbel bestehen eigentlich aus Atomen. Und diese Atome gehen irgendwelche Verbindungen ein, dass sie Holz, oder Plastik oder Metall werden. Und dann wird daraus ein Tisch oder ein Sessel oder ein Computer. Aber eigentlich sind es immer noch Atome. Und ich war am Computer, und da waren Worte, und da waren Buchstaben, und Zeichen. Und ich war plötzlich auch nur ein Zeichen. Ein Bin zwischen anderen Bin-Was, Bin-Da. Und zwischen diesen Bin-Was waren die Nicht-Bin der Leere, des Nichts. Wenn ich den Finger auf den Tisch lege, dann spüre ich, dass da ein Finger ist. Und da ist das Holz des Tisches.“

      Fjodor merkte, dass er auf Henks Finger starrte, der gegen die Tischplatte gepresst wurde. Die Haut unmittelbar um den Nagel war rot, darüber aber weiß vom Druck, den Henk offenbar ausübte. Nein, ich will mich nicht ablenken lassen, dachte er, ich will Henk weiter zuhören.

      „Ich weiß, da sind