Die immer wachsende Bibliothek meiner Eltern – Vater hatte die seine und Mutter die ihre – wurde für mich erst viel später Objekt lebendigen Interesses, als wir schon im Villenvorort Zehlendorf wohnten, wo Vater ein Haus erwarb. Doch ich will nicht vorgreifen, sondern nur von diesen ersten acht oder zehn Jahren meiner Kindheit berichten, der ersten Epoche meines Lebens, in welcher ich noch nicht eigentlich Subjekt war, sondern Objekt in einer Welt, die mir – wie es mir heute scheint – immer fremd blieb und nur wie eine Introduktion meiner Lebenssymphonie ist. Inwieweit eine solche Einleitung das thematische Material für die später immer verzwickter werdende Polyphonie lieferte, kann ich selbst kaum beurteilen und will dies auch nicht versuchen, zumal ich anfänglich beschloss, kommentarlos zu bleiben, die Analyse dem Leser überlassend.
Ehe ich zum Bericht der Aktionen unter den Gestalten meiner Kindheit komme, sei mir gestattet, ein wenig Familiengeschichtliches einzuflechten, zumal dies der stets gleich bleibende Prospekt der Szene meines Lebensdramas ist, trotzdem vor ihm die Akteure in bunter Fülle wechseln, und die Zeiten und Orte gleichermaßen.
Ich entstamme einer Mischehe im rassischen Sinne. Mein Vater war Volljude und hatte den Namen Fritz Theodor Cohn. Auch seine Mutter war eine geborene Cohn, er entstammte also ältestem jüdischen Adel. Seine Vorfahren kamen aus Spanien in die Niederlande, wanderten den Rhein herauf und müssen sich wohl in Boppard niedergelassen haben, denn die (allerdings dürftigen) Familienforschungen, die mein Vater einmal betrieb, zeigten, dass Teile der Familie »Boppard« hießen. Die eigentliche Geschichte der Familie Cohn ist aber an Berlin gebunden. Sie war eine jener Gemeinschaften, wie sie Georg Hermann in seinem Berliner Roman »Jettchen Gebert« schilderte (einer der größten Bucherfolge des späteren Verlages meines Vaters). Mein Großvater, den ich ebenso wenig kannte wie den mütterlicherseits, war Chemiker und hatte in der alten Berliner Vorstadt Martinikenfelde eine chemische Fabrik. Was eigentlich er dort fabrizierte, habe ich nie erkunden können, und es scheint, dass auch mein Vater es selbst nicht recht wusste. Vaters Mutter, eine engelhaft schöne Frau, ohne jeden Zug jüdischen Ausdrucks im lieblichen Gesicht, starb mit dreißig Jahren an dem, was man damals »galoppierende Schwindsucht« nannte, und hinterließ drei Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen. Der ältere Bruder meines Vaters, Ernst, wurde Frauenarzt und hatte eine Tochter, Ernesta, die einen Belgier namens de Goy heiratete, welcher Ehe zwei Kinder, René und Suzanne, entstammten. Onkel Ernst selbst scheint ein »Ladykiller« gewesen zu sein, und ich nehme an, dass Ernesta ein sogenanntes »Kind der Liebe« war, für damalige Begriffe den Ausschluss aus der menschlichen Gemeinschaft bedeutend. So hörte ich von diesem Bruder meines Vaters, den ich auch nie gesehen habe, nur sehr Spärliches. Die Schwester meines Vaters, meine Tante Käte, war eine prächtige Frau, schwer zu ertragen für längere Stunden, aber von der gleichen tiefen menschlichen Güte erfüllt, die meinem Vater eignete, ihm in ihren Lebensäußerungen sehr ähnlich, ohne allerdings die profunde Bildung und das hohe Niveau ihres Bruders zu besitzen. Sie und ihre Familie sind später in den verschiedensten Formen der Mordlust der Nazis zum Opfer geworden.
Der Großvater Cohn heiratete ein zweites Mal, diesmal eine Anna Redlich, Jüdin aus Odessa, die Vaters Stiefmutter wurde. An diese Großmutter habe ich nicht nur ihres gütigen und tiefmütterlichen Wesens halber eine frohe Erinnerung, sondern besonders deshalb, weil die erste Automobilfahrt meines Lebens mit ihr in einem elektrischen Automobil, ein Chauffeur mit weißer Lackmütze hoch oben am Steuer thronend, stattfand. Vater wollte ihr, die entfernt von unserer Wohnung in Charlottenburg wohnte, einen Sonntagsbesuch machen und nahm sein einziges Kind, das Ernstchen, mit. Ein heftiger Regen überraschte uns, als wir nach Hause wollten, und so traten wir den Rückzug just in jenem ganz modernen Vehikel an. Ich gestehe, dass dies das Erlebnis eines der stärksten meiner frühen Kindheit war und damit die Person dieser Stief-Großmutter in meine Erinnerungen gerettet hat. Später, als ich schon anfing, mich mit Musik zu beschäftigen, erfuhr ich, dass Großmutter Anna Cohn großen Künstlern, wie u. a. dem Cellisten Piatigorsky und dem Geiger Joseph Wolfsthal, Obdach, Essen und jederart Hilfe angedeihen ließ, ebenso wie »Tante Berta« (eine Tante meines Vaters, ein verhutzeltes altes Weibchen) die Wahlmutter Mischa Elmans war, als er aus dem Osten nach Berlin kam, um seine Studien dort zu beenden. So ist also scheinbar das Interesse für Musik auf der väterlichen Seite hauptsächlich bei diesen alten Damen gewesen. Meines Vaters Neigung war die Literatur. Er hatte in Hamburg die kaufmännische Lehre durchgemacht bei seinem Onkel Richard – durch dessen Prostataleiden ich bei meinem späteren ersten Besuch Hamburgs, auf der Durchreise zu einer der Nordseeinseln, mit etwa vierzehn Jahren die sämtlichen Bedürfnisanstalten dieser Stadt kennen lernte, denn er eilte von der einen zur andern –, hatte das Cholerajahr in Hamburg miterlebt, war dann Reisender für Wachstuch und dergleichen in Dänemark und Schweden. Vater ging dann für einige Zeit nach New York (»wie töricht, dass ich nicht dort blieb«, sagte er später oft, »es war die Zeit des rasenden wirtschaftlichen Aufstiegs der Staaten; aber das Heimweh trieb mich zurück.«) und drehte dann nach seiner Rückkehr dem nüchternen Kaufmannsberuf den Rücken, vereinigte sich – ich weiß nicht mehr durch welche Umstände veranlasst – mit einem der Söhne Theodor Fontanes und gründete den »Drei Ähren Verlag – Fontane & Co.« und wurde zuerst in der Lützowstraße in Berlin sesshaft. Vom alten Fontane existiert ein Gedicht über seinen siebzigsten Geburtstag, in welchem er die Namen des preußischen und besonders märkischen Schwertadels, die zur Huldigung des großen Schriftstellers, Dichters und Menschen kamen, aufzählt und die Dekadenz und oberflächliche Minderwertigkeit dieser Kaste glossiert, schließlich sich empfehlend den Arm des jungen Buchverlegers nimmt und das Gedicht mit den Worten beschließt: »Kommen Sie, Cohn.« Und hierbei erinnere ich mich an eine schöne Fotografie des greisen Fontane mit schlohweißen langen Haaren mit einer handschriftlichen Widmung an meinen Vater, die gerahmt stets im Arbeitszimmer meines Vaters hing.
Großvater Cohn hatte mit Anna Cohn, geb. Redlich, noch einen Sohn gezeugt: meinen Onkel Franz, der sich schon frühzeitig in Colmers umtaufen ließ und eine große Chirurgenkarriere machte, Geheimrat und Leibarzt verschiedener gekrönter Häupter wurde, um sich schließlich als einstmaliges Mitglied des Preußischen Herren-Clubs, die Brust bestückt mit den Orden und Verdienstkreuzen vieler Länder, 1933 nach den USA abzusetzen, wo er in der Park Avenue eine Praxis eröffnete. Er dürfte heute längst ins Emigranten-Walhall abberufen sein.
Meine Kindheit war bevölkert von den großen Namen jener Zeit, in der die »Junge Freie Volksbühne« die führende Avantgarde der Literatur und des Theaters war: Gerhart Hauptmann, Herbert Eulenberg, Cäsar Flaischlen, Georg von Ompteda (der großartige Maupassant-Übersetzer), Fedor von Zobeltitz, Max Osborn, Richard Huch, Börries von Münchhausen, Ina Seidel, Georg Hermann, Heinrich Zille und noch viele andere waren der Freundeskreis meiner Eltern. Das Haus meiner Eltern war eines der am meisten der Literatur verhafteten in Berlin, zumal meine Mutter damals zu den ganz großen Hoffnungen und Erfüllungen der deutschen Roman-Literatur gehörte.
Mutter war, wenn auch ganz anders als Vater, ebenfalls bürgerlicher Herkunft. Für beide Teile bedeutete ihre Heirat zunächst eine Mesalliance, da die Familien der beiden Liebenden aus religiösen, nicht rassischen Gründen dagegen waren und es harte Kämpfe gab. Da aber meine Mutter bereits sechsunddreißig und mein Vater zweiunddreißig Jahre alt waren, so halfen alle Widersetzlichkeiten der Familien nichts, zumal mein Vater freudig gerade und überzeugt zum evangelischen Glauben konvertierte. Und es muss zum Lob meiner