Die Kronprinzessin. Hanne-Vibeke Holst. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Hanne-Vibeke Holst
Издательство: Bookwire
Серия: Die Macht-Trilogie
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9788726569605
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etwas langsam, oder?«, schüttelte er den Kopf und gab ihr Feuer.

      »Sonst noch was, das ich wissen muss?«, fragte sie und klopfte auf die beiden hohen Stapel mit Aktenmappen, »Weihnachtslektüre«, die sie mit nach Hause nehmen würde.

      »Dass Sie einen 24-Stunden-Job übernommen haben, aber zum Ausgleich ist mein Telefon rund um die Uhr besetzt. Einschließlich Heiligabend.«

      »Noch was?«

      »›Trust Nobody‹. Vermutlich die zweitwichtigste Regel.«

      »In der Politik?«

      »Überall. Berufskrankheit. Entschuldigung.«

      Sie legte den Kopf schief, wedelte den Rauch weg, strich ihre langen Haare zurück und machte keinerlei Hehl daraus, dass sie ihn beobachtete.

      »Was ist mit Ihnen? Kann ich mich auf Sie verlassen?«, fragte sie daraufhin.

      »Ich bin Westjütländer. Aus Harboore, ob Sie es glauben oder nicht.«

      »Dann kann ich es also nicht!«

      »Dann können Sie es also doch! Sie können sich auf mich verlassen«, nickte er, und dann kniff sie die grünbraunen Augen über den hohen Wangenknochen zusammen.

      »Aber ich darf nicht. Ich darf mich auch nicht auf Sie verlassen.«

      »Sie bekommen ein Sternchen in Ihr Fleißheft«, bemerkte er anerkennend. Damit war die erste Lektion beendet, die Ministerin musste zur Fraktionssitzung in die Burg und danach auf Rundreise durch die diversen Fernsehstationen.

      Nachdem sie aus dem Büro abgeholt worden war, blieb er noch einen Moment sitzen. Machte ihre Kippe aus, die im Aschenbecher vor sich hin qualmte. Warf einen Blick auf das Blumenmeer und spürte ihre Anwesenheit, ein schwacher Duft nach Frau. Einen kurzen Moment fragte er sich nervös, ob er sich kopfüber in sie verliebt hatte? So was konnte passieren, sogar einem glücklich verheirateten Mann wie ihm. Und sie war ja, wenn auch nicht hübsch, doch trotzdem, ja, bemerkenswert mit den halblangen dunkelblonden Haaren, den großen Augen, dem etwas breiten Gesicht und diesem Lächeln, das so unerwartet mädchenhaft aufleuchtete. Ansonsten war sie zu üppig, um seinem Typ zu entsprechen – groß, breite Hüften, breite Schultern und ein verhältnismäßig großer Busen, wie es schien. Schöne lange Beine, eine Spur x-beinig vielleicht. All das hatte er registriert, wie es eben so ist. Aber das war nicht das, was ihn anzog. Es war die Vitalität, die sie umgab, die schon jetzt wie eine Leben spendende Bluttransfusion wirkte. Er war immer noch 49. Es quälte ihn immer noch unerträglich, dass er bald 50 würde und trotz seines niedrigen Cholesterinspiegels, seines prächtigen Blutdrucks und seiner formidablen Konstitution aller Wahrscheinlichkeit nach die Familientradition fortsetzen und plötzlich sterben würde. Aber in den letzten zwei Stunden hatte er mehr Freude gehabt als in den letzten zwei Jahren. Er hatte nicht über seine Sterblichkeit nachgedacht, nicht Sekunde für Sekunde den Countdown gespürt, diese Irritation darüber, die gezählten Stunden an ein paar Vollidioten zu verschwenden. Henrik Sand hatte höchst unerwartet die Hoffnung auf Zukunft zurückbekommen.

      So musste auch niemand fragen, als er leichtfüßig aus dem Büro kam, mit einem Lächeln im Blick und den beiden leeren Kaffeetassen in der Hand.

      Aber manche taten es trotzdem.

      »Wie war sie?«

      »Klasse. Verflucht gut. Wir werden früh aufstehen müssen, meine Damen und Herren.«

      Bevor Charlotte Damgaard wieder ins Ministerium zurückgekehrt war, war dieses Gerücht schon in Umlauf. Dass Henrik Sand, der harte Hund, verführt worden war. Aber er war schließlich auch im Panik-Alter.

      *

      Søren Schouw war nach Hause verfrachtet worden, zum letzten Mal im Dienstwagen. Aber dennoch war er in der Fraktionssitzung, in der der Staatsminister die Rochade und seine neuen Minister vorstellte, wie ein böser Geist anwesend. Niemand wagte es, direkt gegen Per Vittrup Stellung zu beziehen, das gehörte sich einfach nicht. Aber der Unmut hing wie eine gelbliche Schwefelwolke über dem Sitzungsraum S-090. Nicht nur Schouws Alliierte waren wütend. Ein paar andere entthronte Minister saßen verbissen da und verspritzten Gift im Raum, und auch die vier, fünf anderen, die sich übergangen fühlten, unterließen es nicht, Vibrationen der Verletztheit auszusenden. Was Gert Jacobsen anging, wirkte der auf seine besonders demonstrative Art sauer, sodass niemand daran zweifeln konnte, dass die Rochade über seinen Kopf hinweg entschieden worden war. Es wurde natürlich nicht direkt gesagt, dass die Entscheidung für Charlotte Damgaard, die man ansonsten eher als eine etwas zu kluge studentische Hilfskraft kannte, weit unter dem Niveau dieser ehrwürdigen Mitglieder, besonders unpopulär war. Aber Charlotte spürte eine fast schon physische Mauer aus Widerwillen, mit der Absicht, sie auszuschließen. Besonders Susanne Branner, Umweltpolitische Sprecherin, eine Grundschullehrerin von Fünen, konnte ihre Ablehnung nicht verbergen. Und sie war es auch, die das Wort ergriff, als es freigegeben wurde.

      »Im Umweltausschuss müssen wir gestehen, dass wir ein wenig ratlos vor dem Signal stehen, das von der Ablösung von Søren Schouw ausgeht. Wir von der Fraktion hatten eine vorbildliche Zusammenarbeit mit dem Minister und sind ein wenig in Sorge, ob sich diese enge Zusammenarbeit unter einer neuen Ministerin fortsetzen lässt, die ja sozusagen erst angelernt werden muss, und wir stehen schließlich vor einer Reihe ...«

      »Ist das ein Kommentar oder eine Frage?«, schlug Elizabeth Meyer plötzlich dazwischen. Über den Fraktionsvorsitzenden hinweg und außerhalb der Redeliste. Ihre Stimme war beherrscht, aber so unterkühlt, dass niemand wagte zu protestieren. Jeder wusste, dass sie, wenn sie so klang, wirklich verärgert war. Was den Verdacht verstärkte, dass Charlotte Damgaard Meyers Werk war.

      »D-darf ich antworten?«, ging Charlotte dazwischen, zu ihrem eigenen Ärger leicht stotternd, aber sie bekam ihre Stimme unter Kontrolle, als sie auf ein Nicken Per Vittrups hin fortfuhr:

      »Ich kann gut verstehen, dass es frustrierend ist, von vorne anfangen zu müssen. Sich an eine Anfängerin gewöhnen zu müssen. Aber erstens kennt ihr mich schon, und ich kenne euch. Und zweitens beabsichtige ich, Weihnachten zu nutzen, um den Stoff nachzuholen, damit wir irgendwie da weitermachen können, wo ihr aufgehört habt. Und im Hinblick auf die Frage, ob sich die gute Zusammenarbeit fortsetzen lässt, kann ich nur mit einer Gegenfrage antworten: Warum sollten wir das nicht können, Susanne? Wir konnten uns doch früher auch gut gegenseitig helfen. Oder?«

      Charlottes Lächeln war zuckersüß, genau wie das, das sie von der Sprecherin retour bekam. Allerdings konnte niemand im Raum auch nur den leisesten Zweifel daran hegen, dass die Umweltministerin ihr Revier markiert hatte und vorläufig die erste Runde eines noch nicht erklärten Krieges gewonnen hatte.

      Auch Per Vittrup, der sonst an Tagen wie diesen alle Ober- und Untertöne bewusst überhörte, vernahm die drohende Krise. Davon gab es so viele, auf die meisten brauchte man keine Zeit zu verschwenden – aber diese hier galt es abzuwehren. Wieder wurde um den Fraktionsvorsitzenden herumgespielt, der während der ganzen Episode dasaß und wie ein gestrandeter Fisch den Mund öffnete und wieder schloss. Er fühlte sich mindestens so doof, wie er aussah, und das gefiel ihm ganz sicher nicht.

      »Die Zusammenarbeit zwischen dem Umweltausschuss und dem Umweltminister kann nicht nur, sondern wird auf genauso vorbildliche Weise wie bisher fortgeführt«, ging Per Vittrup mit schneidender Stimme dazwischen. »Und dann lasst mich noch der Ordnung halber daran erinnern, dass wir hier nicht bei der Konservativen Volkspartei sind!«

      Das war als herber Witz gemeint, aber niemand lachte.

      Henrik Sand stand trippelnd in der Gruppe vor dem Fraktionsraum und wartete auf sie, als die Sitzung beendet war. Sie wäre ihm fast um den Hals gefallen vor lauter Erleichterung darüber, jemanden wiederzusehen, den sie unter den gegebenen Umständen als einen alten Freund betrachtete.

      »Mannomann!«, platzte sie heraus, bevor er mit dem Kopf nach hinten nickte und sie auf eine laufende Kamera aufmerksam machte.

      »TV2«, sagte er leise. »Sie machen ein Mini-Portrait über Sie für die Abendnachrichten. Sie brauchen noch ein paar Reportagebilder, ich habe ihnen das Okay gegeben, Ihre Nachbewilligung