Mit Herrn Dr. Marek dagegen war ich restlos zufrieden. Wir sprachen fast nie ein Wort miteinander, das nicht zur Sache gehörte, und es ging unaufhaltsam, ruhig und sicher voran. Nach einigen Wochen sagte er, wenn ich in diesem Tempo weiterarbeitete, könnte ich schon Ostern in die Obersekunda eintreten. Es sei ja auch viel angenehmer zum Eingewöhnen, zu Beginn des Schuljahres anzufangen, als später mitten hineinzukommen. Natürlich war ich hocherfreut. Auf die Einwände des Mathematiklehrers wurde keine Rücksicht genommen. Er wurde noch schärfer als bisher angetrieben und mußte sich seufzend dem Schaffenseifer der rastlosen Schülerin anbequemen. Nachdem meine Mutter anfangs einmal mit den Herren gesprochen hatte, machte ich alles Weitere selbst mit ihnen ab. Sie nannten mich »gnädiges Fräulein« und begegneten mir mit großer Hochachtung. Ich überreichte ihnen auch jeden Monat ihr Honorar. Das war mir immer etwas peinlich, denn mir selbst erschien es als etwas Beschämendes, Geld anzunehmen. Ich suchte das etwas zu mildern, indem ich nach Möglichkeit mir lauter Goldstücke für diesen Zweck geben ließ. Das schien mir etwas würdiger als Silber oder gar Papier. Die beiden Herren haben sicher von solchen Hemmungen nichts empfunden. Sie waren auf diese Einnahme angewiesen; besonders Herr Großmann war gegen Ende des Monats meist in Verlegenheit und mußte sogar manchmal um Vorschuß bitten.
Dieses halbe Jahr rastloser Arbeit ist mir immer als die erste ganz glückliche Zeit meines Lebens in Erinnerung geblieben. Es lag wohl daran, daß zum erstenmal meine geistigen Kräfte in einer ihnen entsprechenden Aufgabe voll angespannt waren. Wenn ich ganz allein in dem Zimmer, das mir zur Arbeit angewiesen war – ich hatte damals noch kein eigenes Arbeitszimmer –, am Schreibtisch saß, kümmerte mich die ganze übrige Welt nichts mehr. Nach jeder gelösten Mathematikaufgabe pfiff ich ein paar Takte als Triumphlied. Ich zog es nie in Erwägung, Mathematik zu studieren. Ich hatte ein sportliches Vergnügen daran als an einer gesunden geistigen Turnübung. Aber es war nicht das, wofür ich geboren war. Ganz anders war es beim Latein. Das Erlernen der neuen Sprachen hatte mir nicht annähernd soviel Freude gemacht. Diese Grammatik mit ihren strengen Gesetzen entzückte mich. Es war, als ob ich meine Muttersprache erlernen würde. Daß es die Sprache der hl. Kirche ist und daß ich später einmal in dieser Sprache beten sollte, davon ahnte ich damals noch nichts.
Die Familie sah mich in dieser Zeit fast nur bei den Mahlzeiten und nach dem Abendessen. Abends durfte ich nicht weiterarbeiten. Wir waren als Kinder daran gewöhnt, pünktlich um acht Uhr schlafenzugehen. Später wurde die Zeit auf neun Uhr heraufgerückt. Ich habe auch in den obersten Gymnasialklassen nicht daran gerüttelt, weil mir daran lag, früh frisch und leistungsfähig zu sein.
In den ersten Monaten der heimlichen Arbeit sagte ich auch meinem treuen Ritter Franz nichts davon. Einmal fand er auf meinem Schreibtisch einen beschriebenen Zettel. Ich haschte schnell danach und nahm ihn an mich, ehe er ihn lesen konnte. Er fragte etwas betrübt, ob ich ein Geheimnis hätte. Nach einem kleinen inneren Kampf reichte ich ihm das Papier. Es standen lateinische Zahlwörter darauf. »Du willst aufs Gymnasium gehen?« »Ja«. Er wurde sehr nachdenklich, sprach aber keinen Einwand aus. Ich bat ihn noch, gegen alle zu schweigen; dann war dieses Gespräch zu Ende. Ich weiß nicht, was in jenen Augenblicken in ihm vorging. Es ist wohl möglich, daß er sich sagte, ich sei nun für ihn verloren. Er war ernster und grüblerischer als sein Zwillingsbruder – gerade das hatte mich immer angezogen. Aber er lernte schwerer und nach einer langen Diphtherieerkrankung, die ihn sehr angriff, war er sogar eine Klasse zurückgeblieben. Nach schwerem Kampf hatte er sich entschlossen, mit Primareife das Gymnasium zu verlassen und als Lehrling in ein Bankgeschäft zu gehen. Ich hatte ihn damals tief enttäuscht, weil ich für die Schwere der Entscheidung noch kein Verständnis hatte; ich war ja noch ein richtiges Kind, als er die Krisen der Reifezeit durchmachte. Daß ich beim Studium in meinem Element sein würde, wußte er. Aber er mochte sich sagen, daß sich damit unsere Wege trennten. Ich erwähnte früher, daß die Zwillinge kurz nach meinem Eintritt ins Gymnasium ihre täglichen Besuche bei uns einstellten und daß wir uns nur noch selten sahen. Beide blieben unverheiratet. Wir haben niemals darüber gesprochen, warum sich unsere Freundschaft löste. Aus dem Felde schrieb Hans mir einmal, es sei doch schade, daß wir uns nach den schönen gemeinsamen Kinderjahren so fremd geworden seien.
Nachdem einige Zeit der Vorbereitung verstrichen war, suchte meine Mutter mit mir den strengen Direktor Roehl auf. Ich mußte ja zur Aufnahmeprüfung angemeldet werden und einige Ratschläge für die Vorbereitung erbitten. Es war, als wollte er sein Möglichstes tun, um mich zu entmutigen. Er stellte das Ziel als äußerst schwer erreichbar hin, schärfte mir ein, daß ich nicht nur für Latein und Mathematik, sondern auch für alle andern Fächer sehr gut vorbereitet sein müsse. Er riet auch, nach den eingeführten Lehrbüchern zu arbeiten. Um mir diese zu verschaffen, suchte ich meine alte Kindheitsgespielin Marie Grünberg auf, die in der Obersekunda war. »Die alte Freundin ist wiedergekommen«, sagte ihre Mutter mit herzlicher Freude. Der Vater äußerte sich in wenig schmeichelhaften Worten über die alberne Wichtigtuerei des Direktors. Sie wollten mir vielmehr zureden, mich für die nächsthöhere Klasse zu melden; dann käme ich wieder mit Mariechen zusammen. Aber das schien mir nun doch unerreichbar. Ich mußte