Neubayern. Florian F. Scherzer. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Florian F. Scherzer
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783940839572
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des Marktplatzes waren die Häuser offizieller aber auch weniger bemalt. Das Rathaus, das Amtshaus, die Gendarmerie. An der Ecke zur Bahnhofsgasse war das Gasthaus Rath. Ich ging daran vorbei und hatte von dort aus das Königsmonument genau im Blick. Die morgendliche Sonne schien es an und ich konnte es zum ersten Mal richtig ansehen: König Ludwig II. auf einer Säule. In der einen Hand eine Papierrolle, die andere Hand auf ein Schwert gestützt. An der Säule vier weitere Figuren, die mir nichts sagten: Ein langhaariger Mann mit einer großen Feder, eine Frau mit einer Fackel, eine andere Frau mit einem Buch und einer Art Schwert und ein bärtiger Mann, der auf einem Löwen saß. Alle trugen lockere Umhänge. Nur der Mann auf dem Löwen war nackt. Ganz unten, unterhalb der Füße des Königs lagen einige Putten, die ein bayerisches Wappen in den Händen hielten: Altbayern, Franken, Schwaben, die Pfalz und ein fünftes Wappen, das mir noch nie aufgefallen war. Das Tier darauf sah seltsam aus. Nicht wie eines, das ich schon einmal zuvor gesehen hatte.

      Ich ging weiter. Durch die Gasse hinter dem Gasthaus Rath bis zur Pfarrkirche St. Jakob. Aus der Kirche drang kein Laut. Ich versuchte das Tor zu öffnen. Es war verschlossen. Die Kirchturmuhr läutete neun mal. Noch vier Stunden bis die Schwarzbäuerin wieder zurück nach Oberpfaffing wollte.

      Ich umrundete die Kirche einmal und bemerkte an ihrer Rückseite eine Hütte mit sehr großen Fenstern. Die Werkstatt eines Steinmetzes, der an der Kirche arbeitete oder sein Schuppen? Durch die großen Scheiben konnte ich einen Mann erkennen, der an einer Werkbank saß und in ein Heft schrieb. Ich ging vorbei. Er sah mich und winkte mir zu. Ich nickte höflich zurück. Er nahm einen Becher von seiner Werkbank, hob ihn hoch und deutete mir an, ob ich auch etwas zu trinken wollte.

      Immer noch vier Stunden bis Oberpfaffing. Ich nickte. Besser mit einem Unbekannten die Zeit totschlagen als sich alleine zu Tode langweilen. Der Mann kam durch die Tür des Hauses auf mich zu. Eine Tür, die aus vielen kleinen Glasrechtecken bestand. Er war nicht richtig alt, aber auch nicht jung, trug eine hohe rote Hausmütze mit einer Quaste, einen Hausrock und eine Brille. Ungewöhnlich war, dass der Mann glatt rasiert war. Weder Schnurr-, noch Backen-, noch Vollbart. Das machte es mir fast unmöglich sein Alter zu bestimmen. Vielleicht war er doch älter, als ich zuerst gedacht hatte. Die Haare unter der Mütze waren grau. Das glatte Gesicht eines Kindes, der Körper eines fünfzigjährigen Mannes. Oder eine hässliche Frau in der Kleidung eines Mannes. Bei uns in Oberpfaffing gab es keine Männer ohne Bart und eine Brille kannte ich auch nur vom Pfarrer. Ich musste bei seinem Anblick unweigerlich an meine Fische denken. Der Bartlose musterte mich und mein Fischgewand. Er lachte ölig: »Dass ich in diesem Bauernkaff einmal jemanden treffe, der noch bauernhafter ist, als alle anderen zusammen.«

      Seine Sprache war genauso seltsam wie der Rest an ihm. So zerhackt. Jedes Wort war einzeln. Überdeutlich. So als würde man ihn nicht sprechen hören, sondern ihn wie ein Buch lesen. Als hätte er erst vor Kurzem gelernt zu sprechen. Er sprach eine Mischung aus Schriftdeutsch und Bairisch.

      »Komm erst einmal herein und trink einen Kaffee mit mir. Wie heißt du denn?«

      »Kienerjoseph«, antwortete ich, wie ich es seit der Schule nicht mehr getan hatte.

      »Ich bin der Holderer.« Und an seine Zugehfrau gewandt: »Otti, bringst du für mich und meinen Gast einen frischen Kaffee.« Ich hatte noch nie Kaffee getrunken. In Oberpfaffing gab es das nicht. Da trank man Bier, Wasser oder als Kind Milch.

      Er setzte sich zurück an seine Werkbank und musterte mich ausgiebig. Ich kam mir vor wie das seltsame Reh, das der Traublingergroßvater auf dem Wachten geschossen hatte und das tot vor dem Wirt in Oberpfaffing gehangen hatte. Das Reh im Schafspelz, das damals alle in einer Mischung aus Grausen und Lachen angestarrt hatten. Genauso wie mich der Holderer jetzt ansah. Der Kienerjoseph, das Wollreh.

      Und als ich darüber nachdachte, fiel mir ein, woran mich das Tier auf dem vierten Wappen am Königsmonument erinnert hatte. An genau jenes Wollreh vom Oberpfaffinger Dorfanger. Ein stehender Löwe symbolisierte Altbayern und die Pfalz, die drei liegenden Löwen waren Schwaben, der Rechen Franken. Aber wofür stand das Wollreh?

      Der Holderer holte mich aus meinen Grübeleien: »Jetzt erzähl einmal, Kienerjoseph, bist du zum Markt da? Du bist aus …« Der Holderer überlegte »… Oberpfaffing. Hab ichs richtig?« Er lachte. Ich nickte. War das so offensichtlich?

      »Setz dich her, Kienerjoseph.«

      Die Zugehfrau kam herein, in der Hand ein Tablett mit einer hohen Kanne.

      »So, Kienerjoseph, ein oder zwei Stück Zucker? Ein Schluckerl Rahm?«

      Ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte und nickte. Der Holderer goss eine Tasse mit Kaffee voll, tröpfelte etwas Rahm dazu und nahm mit einer kleinen Zange Zuckerbrocken, die er in den Kaffee warf. Er reichte mir die Tasse auf einem kleinen Tellerchen, darauf lag ein metallener Löffel. Es stank bestialisch. Der Holderer machte für sich das gleiche und ich beobachtete ihn, wie er die Tasse auf dem Teller in der einen Hand hielt und mit der anderen den Löffel, mit dem er darin rührte. Ich machte es genauso. Als ich den Kaffee im Mund hatte, wollte ich gleich wieder ausspucken. Das schmeckte mir nicht. Bitter und buttrig. Der Holderer lachte wieder.

      »Probier es nochmal. Da muss man erst auf den Geschmack kommen. Das ist die gute Zichorie!« Er lachte, als hätte er einen wirklich guten Witz gemacht. »Den Kaffee muss man unter die Zunge bringen.«

      Der Holderer lehnte sich in seinem Stuhl zurück und trank seine Tasse in einem Zug leer. Ihm schien das zu schmecken. Ich probierte lieber nicht, den Kaffee unter meine Zunge zu bringen.

      Ich sah mich in dem Raum um. Von innen wirkte die Hütte fast wie ein echtes Stadthaus. Gepolsterte Möbel, Tapeten, Teppiche, Stiche in Bilderrahmen. Alles ein bisschen angestaubt, fadenscheinig und grindig. An den Wänden gegenüber der Fenster hingen große Papiere mit Kohlezeichnungen drauf. Ich hatte so etwas schon einmal gesehen, als wir den Schober vom Doll umbauen mussten. Da wurde auch so ein Plan auf ein großes Papier gezeichnet, bevor wir anfangen konnten. Aber das war eine viel gröbere Zeichnung gewesen als die hier beim Holderer. Es wirkte aus der Entfernung, als wären da die Häuser vom Marktplatz gezeichnet. Der Holderer stand auf und ging durch den Raum auf die Papiere zu. Er schien sich zu freuen, dass mich seine Papiere interessierten.

      »Möchtest du wissen, was das ist?«

      Ich schüttelte den Kopf. Dem Holderer war das scheinbar egal, denn er fuhr fort.

      »Kienerjoseph. Ich bin der Heimatwahrer.«

      Es wirkte so, als erwartete der Holderer, dass die Aussage eine große Wirkung auf mich haben würde. Ich wusste nicht, was das bedeutete, nickte aber.

      »Der Heimatwahrer schaut sich alle Sachen in unserer Heimat an und bestimmt, ob sie wahrbar sind. Malereien, Schnitzereien, Altäre, Bücher, Zeitungen. Nicht dass unser König eines Tages unsere Gegend bereist und da sind österreichische Schmierereien an den Riedinger Häusern oder preußische Bilder in der Zeitung und in den Büchern.« Der Holderer lachte öliger als vorher. »Glaubst du, dass das unserem König gefallen würde?«

      Ich schüttelte wieder den Kopf.

      »Gerade schau ich mir die Fassadenmalereien von Rieding an. Aber auch in St. Jakob gibt es ein paar Dinge, die man im Auge behalten muss. Ich zeichne sie ab und schicke das an die Amtmänner in der Stadt. Und wenn wir das Gefühl haben, dass da welche nicht passen. Weg damit.«

      »Wie bei dem kleinen Haus am Marktplatz.«, platzte ich heraus.

      »Ah, der Kienerjoseph redet. Genau. Wie bei dem kleinen Haus am Marktplatz. Das haben wir erst letzten Monat übermalt. Die Wagnerin war nicht gerade begeistert. Die hatte das erst vor einigen Jahren neu machen lassen. Und jetzt musste es halt wieder weg. Ich frag mich nur, wer so was da hin malt.«

      Der Holderer schien mehr mit sich selbst zu sprechen als mit mir.

      »Aber da redet keiner. Als hätten die sich abgesprochen.«

      Der Holderer schenkte sich noch einen Kaffee ein und trank ihn ohne Rahm und ohne Zucker. Mich schüttelte es. Der Holderer stand auf und ging zu seinen Papieren hinüber. Er sah mich an, als hätte er eine Idee gehabt.

      »Kienerjoseph. Magst