Ein planloses Leben – Teil 1. Heinz Suessenbach. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Heinz Suessenbach
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783990645734
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      Onkel Otto und Vatl

Vatl in Panzeruniform

      6 Auf der Landstraße nach Mittelsteine

      Meine Erinnerungen aus diesen Zeiten verwundern mich manchmal. Ich spürte kaum Angst, denn ich war ja immer mit meinen Mädels. Ich spielte kaum ’ne praktische Rolle in dem Drama; war mehr ein unbedeutender Mitspieler und leider oft ein Handicap. Wir waren oft inmitten von Kolonnen und wurden auch oft überholt. Andere Flüchtlinge sahen meistens ärmlicher und müder aus. Zweimal wurden wir von den motorisierten „Bluthunden“ angehalten. Die trugen Ledermäntel und Helm und ’ne Kette mit einem Schild auf der Brust und fragten nach unseren Papieren. Die guckten uns unfreundlich an, und der im Seitenwagen hielt auch ein Gewehr. Man hatte sofort das Gefühl, daß wir irgendwie Feinde waren. Das Gerumpel – das Donnern in der Ferne – hat uns praktisch dauernd begleitet, denn nach ner Weile hat man das gar nicht mehr wahrgenommen. Wenn wir von Militärfahrzeugen überholt wurden, winkten die uns oft freundlich zu. Einmal rief einer, ob jemand unser Pferd gestohlen hat, und Frau Kornetzki rief zurück, dass wir es gefressen haben. Später erfuhren wir, daß wir eigentlich Glück hatten, denn Flüchtlinge waren auf der Hauptstrasse gar nicht erlaubt. Die Leute, die wir überholen konnten, sahen traurig aus, und wer weiß, wie lange die schon auf der Tour waren. Die Gesichter der Kinder, die bedrücken mich heute noch, vor allem, wenn sie uns anbettelten. Einmal fragten uns zwei Frauen, ob wir nicht ihren gelähmten Vater mit seinem Rollstuhl an unseren Wagen dranhängen könnten. Mit schwerem Herzen haben unsere Frauen zugesagt, und als sie dabei waren, den armen Greis hinten anzubinden, hielt ein Militärlaster an. Nach kurzer Debatte haben die den armen Kerl mitsamt Rollstuhl hinten reingehoben, obwohl da Soldaten saßen und sagten, daß sie den Greis in Mittelsteine abladen werden beim Bürgermeister. Seine Angehörigen haben laut geweint vor Freude und konnten sich nicht genug bedanken. Unter ihnen waren zwei Mädel, ungefähr 10 Jahre alt, die sehr müde aussahen, und die haben die Soldaten auch noch hinten reingepackt und machten sich dann aber flugs auf die Weiterfahrt. Irgendwie hat uns diese Unterbrechung gut getan, und weiter ging’s mit Schieben und Ziehen und Pusten. Das Wetter war zwar kühl und nach und nach kam eine nach der anderen unserer Hüllen ab und wurde auf den Wagen geklemmt. Plötzlich hielt ein Jeep an. Zwei Offiziere und eine uniformierte Frau kamen raus und haben die Frauen was gefragt, und dann nahmen sie einen Strick, den sie an unsere Deichsel und an ihr Fahrzeug knoteten. Uns rieten alle, auf unser Gefährt zu klettern. Drei Kinder sollten auch hinten in den Jeep, wo wir zwischen Soldaten gequetscht wurden. Wie haben wir uns da gefreut. Ich hörte Muttl sagen, daß der liebe Gott uns, wie immer, diese braven Leute geschickt hat. Die Soldaten sagten, daß unter den ganzen Kolonnen wir die einzigen sind, die ’nen Pferdewagen ohne Pferd schoben. Mann, waren wir glücklich. Wirklich: Da war der liebe Gott dabei. Ich weiß nicht, wie weit wir gefahren sind, aber so weit kann’s gar nicht gewesen sein, denn es ging ja alles ziemlich langsam vorwärts ob des Verkehrs. Auf einmal war die Fahrt zu Ende. Plötzlich wurden wir ganz schnell wieder abgebunden, und unsere Retter haben sich ganz kurz verabschiedet, und wir standen wieder allein da. Die Mädels meinten, daß Befehle übers Radio gerufen waren. Und weiter ging’s zu Fuß. Mir hat das Marschieren eigentlich gefallen, denn schnell ging es ja nicht voran, und man sah da so viel Zeug im Graben liegen, und ich konnte es auch kurz anfassen. Gewehre, Stahlhelme, Stiefel, Fahrzeuge und hier und da ’ne Panzerfaust. Einmal hab ich mit Freuden ’ne Panzerfaust aufgehoben und sie triumphierend den anderen vorgeführt, aber die Frauen wurden fuchtig und bestanden darauf, daß Muttl mir den Hintern versohlen sollte. Muttl befahl mir, nichts mehr anzufassen, ohne Ausnahme. Das unheimliche Brüllen der Kühe hat bestimmt auch keiner vergessen. Die rasten wie sinnlos auf den Feldern herum. Sie schrien vor Schmerzen, weil ihre Euter zum Platzen voll waren. Es waren nicht nur Menschen, die im Krieg litten. Die Uniformierten, die uns da eine Strecke lang mit dem Jeep gezogen hatten, sagten, daß wir ja weit weg von der Strasse gehen sollen, wenn wir abends Pause machten. Ja nicht in der Nähe der Strasse bleiben und kein Feuer machen, denn die Russen sind nicht weit hinter uns. Wenn wir fragten, wie weit, bekamen wir keine Antwort. Wie haben die Frauen geächzt und gestöhnt, wenn’s bergauf ging! Ich durfte nun auch an den Rädern mitschieben. Manchmal mussten wir mitten auf ’ner Erhöhung anhalten zum Luftholen. Da musste die Bremse flugs angekurbelt und ein Klotz hinter ein Rad geklemmt werden. damit der Wagen ja nicht zurückrollte. Bei solchen Manövern wurden wir oft von den Leuten hinter uns beschimpft. Beim späteren Geplauder mit meinen Mädels sagten sie, daß da keine Berge waren, aber die kleinste Erhöhung machte sich schmerzlich bemerkbar für uns. Nach ’ner Pause ging’s dann wieder los. Auf ’ner Höhe angelangt, hielten wir an. Eine Frau kletterte auf die Kutscherbank (nach ’ner Weile lernten die Frauen, daß man die Bremskurbel auch von der Strasse her anleiern konnte), und als unser Atem beruhigt war, gingen die Frauen vorn zur Deichsel. Als die Bremse bissel gelockert wurde, ging’s abwärts. Die Deichsel musste aber festgehalten werden, denn wenn ein Rad in ein Schlagloch geriet, schlenkerte die Zugstange, und das musste scharf kontrolliert werden, damit wir nicht im Strassengraben landeten. Flott gelaufen wurde, wenn’s abwärts ging, damit wir bissel Anlauf für den nächsten Hügel bekamen, und dabei wurde immer gelacht. Die Hauptangst war, daß jemand unter die Räder kam. Ich war der einzige der kleinen Kinder, der helfen durfte, und das gefiel mir sehr. Esserei hatten wir mit uns, Brot und Butter, auch Wurst, aber meistens wurde das beim Laufen gekaut. Auf einmal, aus blauem Himmel, gab’s einen Krach, und Flugzeuge donnerten über uns. Die Frauen haben sofort den Wagen gestoppt, die Bremse angezogen, und alle waren wir im Graben. Mann, das war ein Krach. Die flogen so niedrig. Man konnte es kaum glauben, daß ein Flugzeug so einen Krach macht, und dann dröhnte das „Ratatatatatata“ von Schüssen. Auf einmal hat Annelies gebrüllt. Sie hat geschrien und gekreischt, und wir wussten, daß sie verwundet war. Sie schrie immer wieder, daß sie das Gesicht eines Piloten erblicken konnte, und das wiederholte sie dauernd. Der hat mich angeguckt, angeguckt! Und trotzdem hat der auf mich geschossen! Wie kann ein Mann auf uns arme Zivilisten schießen? Und immer wieder schluchzte meine große Schwester, daß der Russe sie angeguckt hat und trotzdem auf sie schoss. Andere Leute kamen auch angerannt, um uns zu helfen. Endlich fand man, daß Annelies gar nicht verwundet war, und wir heulten alle wie verrückt vor Freude. Auch fanden die Frauen keine Schussspuren auf unserem Gepäck. Und dann war Totenstille, außer dem entfernten Grollen. Gezittert haben wir alle und uns umarmt und geheult, aber dann ging’s wieder los auf die Reise. Bis dahin hatten die Frauen oft gesungen, denn das half immer beim Schieben, aber nach dem Vorfall mit den Fliegern dauerte es lange, bis jemand wieder ein Lied anstimmte. Langsam ging die Sonne unter, und die Frauen hielten Ausschau nach einem Seitenweg. Zu nahe neben der Strasse zu übernachten, war zu riskant, obwohl andere es taten. Ich weiß gar nicht, wo wir die erste Nacht kampierten. Ich weiß nur, daß ich am Morgen wach wurde, als wir schon wieder unterwegs waren. Ich hatte gut geschlafen. Immer wieder, wenn ich mich an die Zeit erinnere, ist es mir klar, wie schwer es doch für die Frauen war. Heute ist es mir sonnenklar, daß ich leider keine Hilfe bei den Strapazen war. Auf kaputte Autos musste ich ja klettern und jubeln. Einmal kam ich mit einem Stahlhelm angerannt, bin gestolpert und in den Bach gefallen, und das eiskalte Wasser hat mir die Luft weggenommen. Muttl musste mich natürlich rausziehen, und Annelies erzählte mir hinterher, daß die Frau Hof meinte, es wäre besser, mich ersaufen zu lassen. Dann kam wieder ein Motorrad mit den „Bluthunden“; diese aber kamen uns entgegen und guckten uns an, sind aber langsam vorbeigefahren. Die Frauen haben natürlich freundlich gewunken und gedacht, daß die uns vielleicht ein bissel abschleppen mit dem Motorrad. Kurz danach, wir waren gerade an einem Hügel hochgekommen, wurde Rast gemacht. Ich lief durch eine kleine Öffnung zum Feld, und da sah ich ihn liegen! Er lag auf dem Rücken und war bestimmt auch kaputt. Er hatte ein Plakat auf dem Gesicht – scheinbar als Schatten, und ich sagte ihm, wer ich bin. Ich habe aber leise gesprochen. Dann hob ich ganz sachte das Plakat ein bissel und bin so erschrocken. Das war das erste Mal, daß ich richtig Angst gekriegt habe, denn der Soldat hatte ein rotes Loch direkt zwischen den Augen. Muttl kam angerannt und dann die Frauen, und dann gab’s Geschrei: Diese schamlosen Schweine, diese furchtbaren Feiglinge! Auf dem Plakat stand (das wusste ich damals aber