Muskelkater vom Leben. Winfried Thamm. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Winfried Thamm
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783942672535
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dabei, auch nicht der Fleißigste. Vor zehn Uhr ging bei ihm nichts.

      Ich fahre von der 224 ab, erlaube mir einen kleinen Schlenker, back to the roots, biege rechts in die Krablerstraße, dann links in die Inselstraße. Auf der linken Seite lag die Papierfabrik, heute nicht mehr. Alle hatten Angst, dass sie mal brennt. Hat sie nie. Dann die Berne, in Beton gezwängt, da durften wir nie spielen. Wer da hineinfiel, kam nicht mehr heraus, ertrank in den Kötteln der Nachbarn. Dahinter die Pielstickerstraße. Meine Straße, meine Heimat, die ersten 10 Jahre, Nummer 35, Backstein-Mietshaus, acht Klingelschilder, zweiter Stock, rechts.

      Der Regen hat aufgehört. Ich fahre langsam, halte an. Früher war alles viel größer. Unten haben Oppa und Omma gewohnt. Da gab es Himbeersaft durchs Fenster gereicht, im Sommer. Wohnküche und Schlafzimmer; die Toilette mit Waschbecken wurde mit den Nachbarn geteilt. Gebadet haben sie oben bei uns. Wir hatten noch so eine frei stehende Wanne, aus Emaille, mit geschwungenen Füßen und einen Gasboiler.

      Ich steige aus und schaue an der Fassade hinauf, gefühlte tausendmal überstrichen, die Backsteine. Eine fremde Verlegenheit greift mir ins Genick, lässt mich auf meine Schuhe schauen, ich schäme mich für meine Sentimentalität, steige ein, fahre langsam weiter.

      Die Spielplätze, links und rechts auf gleicher Höhe, gibt es noch, sehen nur kleiner aus und die Geräte sind andere. Auf der Ecke war das EDEKA-Geschäft von Prinz. Hab ’ne tote Ratte in den Laden geworfen, als Mutprobe. Die hatten wir in den Büschen um den Spielplatz gefunden. Am Schwanz gepackt und reingeworfen. Bin aber gesehen worden. Traute mich danach nicht mehr da einzukaufen. Meine Mutter redete dann mit dem Prinz, ich entschuldigte mich. Dann ging’s. Peinlich war’s. Helden sehen anders aus.

      Hinter der Maschinenfabrik Wilhelm & Co. lagen die Werkshallen von Ford Fischer, damals ganz groß, heute woanders. Bernd ist mal über die Glasdächer gelaufen. Die Stifte haben ihn verfolgt. Er ist dann über die Autodächer der Neuwagen entkommen, wurde nicht erwischt, wäre auch sehr teuer geworden. Bernd ging zur Hilfsschule, hatte aber immer gute Ideen, zum Beispiel tote Ratten in EDEKA-Läden werfen.

      Du hast im Haus Nummer 12 gewohnt, nur mit zwei Klingelschildern. In der Volksschule – so hieß das damals – haben wir schon nebeneinander gesessen. Auch dein Vater war Straßenbahnfahrer, wie meiner. Auch du kanntest das EVAG-Heim am Baldeneysee, Zutritt nur für Betriebsangehörige. Schwimmen vom Paddelsteg im Sommer und dann eine kalte Sinalco im Schatten unter den Trauerweiden im Biergarten. Straßenbahner-Paradies.

      Hörst du, Heiner, und jetzt bin ich auf dem Weg und hole dein Totengeld.

      Am Ende der Pielsticker biege ich links auf die Altenessener. Der Regen setzt wieder ein. Komme an der Zeche Carl vorbei. Da hatten wir mal einen Proberaum, in der Steinzeit. Wir nannten uns „Randgruppe-Essen-Mitte“ und spielten selbst gestrickten Rock mit deutschen Texten. So hörte sich das auch an. Immer links und lustig, besonders links. Auf Stadtteilfesten, bei den Grünen und bei den Hausbesetzern, auch einmal in der Zeche, fast ausverkauft, so was zählt ewig. Nur Steine haben wir nicht geworfen. Für den Proberaum mussten wir mithelfen, die Zeche Carl zum Kulturzentrum auszubauen. Waren dreimal da, Mauern einreißen und Steine stapeln, Heiner und ich, die andern haben sich gedrückt. „Ärmel“, der hauseigene Vorzeige-Punker, war der Vorarbeiter. Streng. Wenig lustig.

      Noch ein Stück geradeaus und einmal rechts und ich stehe vor dem Haus in der Heßlerstraße 4. Wie ferngesteuert drücke ich auf den Klingelknopf, schiebe die Tür auf, betrete das Büro, begrüße den Anwalt, nehme den Umschlag, zähle das Totengeld, verabschiede mich, nicht unfreundlich, eher distanziert, sitze im Auto, denke nur: Das war’s.

      Vor fast genau einem Jahr habe ich dir deine Brille mit den neuen Gläsern vom Optiker geholt, Gleitsicht. 549 Euro, hab ich ausgelegt. Als ich sie dir brachte, ins Krankenhaus, brauchtest du sie nicht mehr. Vor genau einem Jahr habe ich dir noch über die Wange gestrichen, sie war noch warm. Nach einer Stunde dann nicht mehr, als ich ging. Und ich wollte doch nur das Geld wiederhaben und jetzt will ich es nicht mehr. Was soll ich denn mit diesem Geld?

      Ich gehe die wenigen Meter zurück auf die Altenesser Straße, die hundert Meter auf die Brücke über den Kanal. Ja, bis hierhin durften wir fahren, wir beide, als Kinder mit unseren Rädern, dahinter kam fremdes Land: Karnap.

      Ich nehme den Umschlag aus der Manteltasche und schüttle die Scheine heraus. Wie trunkene Vögel trudeln sie hinab, ersticken im bleigrauen Wasser, verlieren ihren Wert.

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