Die Schlinge. Pavel Kohout. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Pavel Kohout
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9788711449042
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Der Mann stand zufrieden auf und streckte ihm über den Tisch seine Hand entgegen.

      »Ich gratuliere dir, Genosse Soukup!«

      Auch Jan erhob sich. Nach einem festen Händedruck setzten sie sich wieder.

      »Dein Führungsoffizier wird jener Genosse sein, der dich zu mir gebracht hat, aber meine Tür steht dir immer offen. Ich werde dir auch deinen ersten Auftrag erteilen, und du wirst gleich sehen, wie maßgeschneidert er für dich ist. Eigentlich führst du ihn schon aus.«

      Er verstummte, und Jan konnte sich nicht zurückhalten zu fragen.

      »Was für einen?«

      »Du sollst für die kommende Massenpartei den Genossen Fischer retten!«

      Jan traute seinen Ohren nicht.

      »Den Genossen ...«

      »Ja, Felix Fischer, den du lange schon kennst, wie wir wissen, den großen Mann der Sozialdemokratie. Den wird die künftig vereinte Linke als einen ihrer führenden Köpfe brauchen!«

      »Und wie soll ich ihn ... vor was soll ich ihn ...«

      »Genosse Fischer hegt einige Bedenken gegen den Zusammenschluss, und einige Leute in seiner Partei haben Angst, dass sein Nein die Mehrheit unter den Sozialdemokraten beeinflussen würde. Daher mangelt es auch nicht an Stimmen, die sein Verschwinden fordern.«

      »Wie bitte?«

      »Ja, es ist an der Zeit, sich bewusst zu machen, dass der Krieg noch nicht zu Ende ist. Für den Westen hat der Nationalsozialismus nur eine stellvertretende Zielscheibe geboten, sein tatsächlicher Feind ist die Sowjetunion und von jetzt an auch alle Länder, die zusammen mit ihr gerade zu jenem Stern aufgebrochen sind, den du besingst.«

      Er zeigte auf die Broschüre, die auf seinem Schreibtisch lag.

      »Daher mobilisieren sie von neuem Deutsche, und darum bezahlen sie auch bei uns ihre Judasse, um die Bildung einer Einheitspartei zu verhindern.«

      »Aber Genosse Fischer ...«

      »... ist ein kritischer, aber ehrbarer Geist, eine Legende, die uns für die Nachwelt erhalten bleiben muss, und deshalb darf er sich nicht mit Abtrünnigen, wie es zum Beispiel Pýcha oder Laštovička sind, einlassen. Vorerst wird er zu ihnen gezählt, und daher ist er auch ernsthaft in Gefahr.«

      »In welcher Gefahr ...?«

      »Wir haben leider Anzeichen für eine physische Bedrohung.«

      Jan war geradezu entsetzt.

      »Um Gottes willen, dann greifen Sie ein! Es existiert doch so etwas wie eine Parteidisziplin!«

      »Bei uns schon. Aber nicht bei denen!«

      Jan verstand wieder nichts.

      »Wer will ihn eigentlich ...«

      »Seine Leute eben! Junge hitzige Sozis, die schon längst die historische Notwendigkeit unserer Vereinigung begriffen haben und die deren Gegner für bezahlte Feinde halten. Nur, diese Radikalen haben wirnicht unter Kontrolle, weil – wir sind ja noch nicht vereinigt, verstehst du? Also sind wir es paradoxerweise, die den Genossen Fischer vor ihnen schützen wollen. Und wir, damit bist du gemeint!«

      »Aber wie ...?«

      »Du warst heute bei ihm. Welchen Gesamteindruck hast du von ihm?«

      »Wie Sie ...«, er verbesserte sich, »wie du schon sagtest, Genosse, er ist kritisch, aber verantwortungsbewusst.«

      »Was wollte er von dir?«

      »Ich habe ihm versprochen, dass ich es mit jemandem aus der Parteiführung bespreche. Ich habe mein Wort gegeben!«

      Jan war darauf gefasst, gleich bedrängt zu werden, so schaute der Mann ihn an. Stattdessen vernahm er einen milden Ton.

      »Ich verstehe. Aber vielleicht komme ich dem mit einer Botschaft aus dem Politbüro zuvor, die du Fischer gleich verbindlich weiterleiten kannst. Zusammen mit der Bekundung von Respekt seiner Person gegenüber ist es die dringliche Empfehlung, dass er jetzt – kannst du mir folgen? – jetzt, wo die drückende Mehrheit bei den Sozis ohnehin für einen Zusammenschluss ist, dass er im Interesse seiner Sicherheit wie auch seiner Aufgaben, die auf ihn in der Einheitspartei warten, hör mir gut zu! die Einladung nicht ausschlägt, die für ihn dank glücklicher Umstände auf dem Weg ist, und für eine Weile Vorlesungen an der Universität in Wien hält. Wann kannst du es ihm vertraulich übermitteln?«

      »Morgen Abend ...?«

      »Hervorragend. Das wär’s also vorerst ... ach! Für unseren Kontakt musst du auch einen Decknamen haben, der echte soll nur deiner Poesie vorbehalten bleiben. Welchen legst du dir zu?«

      Da Jan auf die Schnelle nichts einfiel, schlug jener ihm mit wissendem Lächeln vor.

      »Wie wär’s denn mit Kamil?«

      8

      Er sagte es ihr im Atelier am Nachmittag des folgenden Tages, als sich der Puls bei beiden etwas beruhigt hatte. Die Couch hatte er diesmal aufgeklappt, bevor sie kam, und mit einem sauberen Betdaken von zu Hause bezogen. Kamila, noch ganz entblößt, richtete sich bestürzt und erschrocken auf.

      »Und das sagst du mir erst jetzt?«

      Auch Jan, ebenso nackt, setzte sich auf.

      »Mir war unheimlich nach dir. Ich hatte Angst, dass du gleich die Lust verlieren würdest ...«

      Sie fischte wieder ihr Etui irgendwo heraus, zündete sich eine Zigarette an und gestand dann erst.

      »Du hast wohl Recht.«

      »Ich denke, dass auch sie Recht haben«, sagte Jan, »in der gegebenen Situation, sowie sie mir ein Genosse geschildert hat, der sie wirklich gut kennt, ist es für deinen Mann vorerst eine annehmbare Lösung.«

      Sie rauchte schnell und auf Lunge, wie immer, wenn sie sich den Kopf über etwas zermarterte. Dann fragte sie ihn ganz direkt.

      »Das hast du aber nicht nur deshalb eingefädelt, damit wir zwei zusammen sein können?«

      »Also, Kamila ... wie kannst du so etwas ...«

      Das Blut stieg ihm ins Gesicht, und sie merkte, dass sie ihn nicht bloßstellte, sondern beleidigte. Sie drückte ihre Zigarette in einem Blumentopf aus und umarmte ihn.

      »Bitte, verzeih mir!«

      Aber die Lust hatte sie nun schon verloren. Sie griff nach ihrer Wäsche.

      »Er muss das sofort erfahren ...«

      Weiter sprach sie nur noch pragmatisch.

      »Ich werde sagen, dass du mich nach der Probe abgeholt hast!«

      In dem großen Doppelzimmer an der Kaianlage rauchte sie kräftig weiter, als Jan ihrem Mann am runden Tisch erzählte, was er für mitteilbar hielt. Er bat um Verständnis, keine Quelle verraten zu dürfen, versicherte ihm aber, dass er diese Nachricht absolut ernst nehmen könne. Felix Fischer erhob sich nach einer Weile und begann umherzugehen, als ob er an der Fakultät mit Studenten diskutieren würde.

      »Eigentlich ist das ja eine Verbannung!«

      Hierzu schwiegen die beiden anderen.

      »Zudem ist sie so durchschaubar zeitlich festgelegt, dass ich meinen Parteitag verpassen sollte. Das verbietet mir die Moral!«

      »Dein Hauptberuf ist es, Vorlesungen abzuhalten«, entgegnete Kamila, »und vielleicht bist du ja tatsächlich gefährdet.«

      »Um Himmels willen, warum sollte ich das sein? Ich führe eine normale innerparteiliche Diskussion, ich prüfe das Für und Wider, um dazu beizutragen, die richtige Lösung zu finden.«

      »Nur hat die ja schon eine beträchtliche Mehrheit gefunden, und jemand von euren Leuten sieht dich anders ...«

      Er überhörte sie und blieb vor Jan stehen.

      »Mir