Nach der heute allgemein geltenden Auffassung liegt die Grundaufgabe der Politik in der Gestaltung der Ordnung und dem Ausgleich der unterschiedlichen Interessen in der Gesellschaft. Um diese Aufgabe zu bewältigen, sind verbindliche Entscheidungen durch eine allgemein anerkannte und mit der politischen Autorität ausgerüstete Gewalt im Geltungsbereich öffentlicher Raum nötig. Die Durchsetzung politischer Pläne und Visionen wickelt sich in der Praxis durch die gezielte Einflussnahme verschiedener gesellschaftlichen Gruppen ab, die entschlossen sind, ihre Ziele als Modus Vivendi in der Gesellschaft durchzusetzen. Diese zweckorientierte Tätigkeit darf aber nicht mit dem Verfahrensmuster im verwaltungstechnischen Sinne verwechselt werden. In vergangenen Zeiten wurde die Politik hauptsächlich mit dem Begriff Staat in Verbindung gebracht; heute ist sie begrifflich auch teilweise privatisiert: Es gibt die Politik des Vereines, Verbandes, Unternehmens usw. Vorab muss betont werden, dass für diese Abhandlung nur die Politik im klassischen Sinne von Belang ist.
Das politische Handeln ist – dem deutschen Politikwissenschaftler Gerhard Lehmbruch zufolge – grundsätzlich darauf ausgerichtet, gesellschaftliche Konflikte über Werte verbindlich zu regeln. Ziel der Politik ist die Herstellung der Ordnung im Staate, wozu genaue Verfahrensregelungen vorgesehen sind. Im politischen Wesen der zeitgenössischen europäischen Gesellschaft, die sich in Bezug auf das Verfahrensmuster als eine parlamentarische Demokratie deklariert, stellt die Rechtsstaatlichkeit einen der wichtigsten Faktoren dar. Nach dem Prinzip der Rechtsstaatlichkeit müssen alle staatlichen Akte auf gesetzlicher Grundlage beruhen, und jeder Staatsbürger ist vor dem Gesetz als gleichwertig anzusehen. Formell stimmt das in der Praxis ohne Weiteres, es wird dabei nur eine Kleinigkeit übersehen: Die Gesetze, vor denen alle gleich sind, werden ausschließlich von der herrschenden politischen Klasse verabschiedet, nicht von der Bevölkerungsmehrheit, wiewohl die Gefühlslage der Bevölkerung von den Herrschenden in Betracht gezogen wird. Kommt die Verdrängung des Politischen hinzu, ist ein Konflikt grundsätzlich unausweichlich.
Ein unumgänglicher Faktor der Politik ist die Macht. Sie ist mit der Politik keinesfalls identisch, ist mit ihr aber sehr eng verbunden. Der Begriff „Macht“ ist offensichtlich schwer zu definieren. Jeder redet von Macht, doch eine allgemein akzeptierte Definition dieses Begriffes gibt es bis heute nicht. Eines ist allerdings unumstritten: Die Macht ist immer auf etwas oder auf jemanden bezogen. Der Begriff „Macht“ ist also ein bedingter. Es muss immer zwischen Macht als Möglichkeit durch Fähigkeit und Macht als Ausführung der erwähnten Möglichkeit unterschieden werden. In Bezug auf Politik ist diese Eigenschaft bedeutend. Mit dem Begriff Macht ist der Begriff Wille eng verknüpft. Ein willenloser Mächtiger in der Politik stellt nur Wortakrobatik dar, niemals die Wirklichkeit. In diesem Sinne bedeutet Macht die Herrschaft, was für die Zwecke dieser Abhandlung erheblich ist. Das Kratische gehört zu den wichtigsten Faktoren der Politik, da ohne Macht sowohl die grandiosesten Ideen als auch die allerbesten Sachkenntnisse immer leeres Potenzial bleiben. Macht ist natürlich kein Ziel der Politik, jedoch oft das eines Politikers. Sie bleibt stets ein unumgänglicher Faktor des politischen Handelns. Macht ist nicht gleich Gewalt, aber die Letztere, ultima ratio der Macht, ist zu gegenwärtig, um geleugnet zu werden. Obwohl die Mehrheit der Angehörigen der zeitgenössischen politisch-intellektuellen Elite – die sich ansonsten im Wolkenreich der Theorien üppig auslebt – von einer geschichtlichen Endsynthese spricht, kann sie mittlerweile niemanden mehr ernsthaft überzeugen, da die Erosionen des liberal-demokratischen Staates unübersehbar sind. Das Verhalten der Masse soll deshalb kratisch beeinflusst und gestaltet werden; es ist aber völlig ungewiss, ob die erwähnte Elite angesichts ihres ausgeprägten Antitraditionalismus fähig sein wird, den Horizont des jetzigen Politischen zu überschreiten und das Kratische auf das Niveau der Disposition zu zähmen.
Auf der anderen Seite interessiert sich der durchschnittliche Bürger in der heutigen Massengesellschaft kaum für die theoretische, wissenschaftliche Definition des Begriffes Macht. Es ist indessen unumstritten, dass die Frage der Macht jeden Menschen unmittelbar berührt, sowohl auf der geistigen als auch auf der physischen Ebene. Das Individuum ist sich mit Sicherheit der Tatsache bewusst, dass ihm bezüglich der Frage der Macht im Rahmen der Politik die Rolle einer Taube zukommt. Es träumt ohne Weiteres von der Transformation in die Rolle des Falken, was das Individuum, wenn es einen Wahlzettel in die Urne einwirft, theoretisch auch ist. Die Reflexion des Einzelnen über die Macht fußt auf einer biologischen Grundlage und ist vor allem emotional; seine Gruppenverhaltensweise ist sicherlich vorhanden, allerdings hauptsächlich fiktiv und ausschließlich formal normativ. Da der Politik in der Spätmoderne der Faktor Moral hinzugefügt worden ist, schmückt sich der moderne Massendemokrat mit der Rolle des Gerechten; der Begriff des Politischen setzt demnach den der Gerechtigkeit voraus. Die erwähnte Gerechtigkeit ist allerdings äußerst einseitig und ausschließlich utilitaristisch. Die Wurzeln dieses menschlichen Verhaltens liegen in seiner biologischen Fähigkeit, die Handlungsfolgen der Macht abzusehen, ohne sie direkt und konkret erfahren zu müssen. Die Breite seiner Verletzlichkeit kann er problemlos abschätzen und versucht, sie zu minimalisieren.