Tödliche Klamm. Mia C. Brunner. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Mia C. Brunner
Издательство: Автор
Серия:
Жанр произведения: Триллеры
Год издания: 0
isbn: 9783839260821
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Klassiker der Weltliteratur in edlen Einbänden aus Leder mit goldenen Verzierungen reihten sich an moderne Literatur, eine ganze Reihe Bibeln in unterschiedlicher Ausführung und medizinische Fachliteratur. Ein kleiner Kamin war neben der Tür in die Wand eingelassen und zwei Ohrensessel standen davor. Das einzige Fenster war mit dunklen Vorhängen aus dichtem Stoff behangen und ließ nur mattes Licht von draußen in das Zimmer. Direkt vor dem Fenster stand ein kleines Kaffeetischchen mit zwei samtbezogenen Stühlen.

      Kommissar Berthold Willig stand fasziniert vor dem hohen Regal und fuhr mit dem Zeigefinger ehrfurchtsvoll über die mit Gold eingelassenen Lettern einer alten Sonderausgabe von Shakespeares »Hamlet«.

      »Damit ich das wirklich richtig verstehe, Alex«, begann Florian und ließ sich auf einem der Sessel vor dem Kamin nieder. »Ihr habt festgestellt, dass die Alarmanlage für über zwei Stunden ausgeschaltet war und jemand um das Haus geschlichen ist, aber keines der Fenster ist beschädigt und die Haustür wurde ganz normal mit einem Haustürschlüssel geöffnet.«

      »Zweimal. Einmal um etwa 3 Uhr morgens und einmal um kurz nach 5 Uhr«, bestätigte Alexander Richter, schob den schweren Vorhang beiseite und schaute in den Vorgarten. »Wir betreuen dieses Haus seit drei Jahren. Es ist noch nie vorgekommen, dass die Alarmanlage so lange aus war. Normalerweise schaltet sich das Gerät nach geraumer Zeit eigenständig ein, damit uneingeschränkter Schutz auch dann besteht, wenn man das manuelle Aktivieren einmal vergessen sollte. Man muss diese Funktion durch eine besondere Tastenkombination und einen Schlüssel unterdrücken, wenn die Anlage dauerhaft deaktiviert bleiben soll. Vor einem Jahr«, fuhr er fort, »war im ganzen Stadtviertel Stromausfall und selbst in so einem Fall bezieht die Anlage ihre Energie über ein Notstromaggregat und bleibt aktiviert.«

      Florians nächste Frage erübrigte sich also. Er hatte vermutet, dass der heftige Sturm von letzter Nacht vielleicht für den Ausfall der Sicherheitsanlage verantwortlich gewesen war.

      Florian kannte Alexander Richter bereits seit fast 20 Jahren. Sie hatten als Jugendliche im selben Fußballverein trainiert, bis Alexander als junger Erwachsener in den damals noch recht unpopulären, neu gegründeten Rugbyverein gewechselt war. Heute trainierte er ehrenamtlich den Kemptener Rugbynachwuchs.

      »Und einen Schlüssel zu dem Haus und den Geheimcode für die Alarmanlage haben nur die Wiedemanns?«

      Alexander Richter setzte sich auf den zweiten, noch freien Ohrensessel und nickte.

      »Das Ehepaar Wiedemann, die Haushälterin Luise Kramer und wir natürlich, Richter Security, also ich und meine vier Mitarbeiter«, zählte der Sicherheitsbeamte auf.

      In diesem Moment hörten sie jemanden an der Eingangstür.

      Kommissar Willig hob alarmiert den Kopf und starrte durch den Spalt in der Tür in den Flur, Richter sprang auf und lief zum Fenster, um hinauszusehen. Hauptkommissar Forster erhob sich etwas langsamer, ging zur Tür, schob sie mit dem Fuß etwas weiter auf und schaute ebenfalls in den Flur.

      Vor der Haustür fiel ein Schlüsselbund scheppernd auf die Granitfliesen, jemand fluchte. Sekunden später wurde die Haustür aufgeschlossen und ein Mann in einem dicken Wintermantel und mit etwas schütterem dunkelbraunem Haar stürmte in den Eingangsbereich, sah sich hektisch um und rief nach der Haushälterin. Dann drehte er sich um und gab routiniert die Tastenkombination am Display neben der Tür ein, um den ansonsten folgenden Alarm zu deaktivieren.

      »Herr Dr. Wiedemann?« Florian trat aus dem Schatten der dunklen Bibliothek, gefolgt von Berthold Willig und Alexander Richter, und hielt seinen Dienstausweis in die Höhe. »Kripo Kempten, mein Name ist Hauptkommissar Forster.«

      »Oh Gott«, rief der Hausherr entsetzt, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und ging dann auf den Beamten zu. »Ist etwas mit meiner Frau? Ist Monika etwas passiert? Um Gottes Willen.«

      Noch bevor Florian verneinend den Kopf schütteln konnte, sah er im Augenwinkel eine Frau die steinernen Stufen herunterkommen.

      »Keine Panik, Schatz«, begrüßte Monika Wiedemann ihren Gatten. »Mir geht es sehr gut.« Dann nickte sie den drei Herren zu, die vor der massiven Eichenholztür zur Bibliothek standen und zu ihr hinaufsahen. »Guten Tag, die Herren.«

      Das Bild, das diese Frau bot, erschütterte Florian so sehr, dass er sich anfangs nicht von ihrem Anblick losreißen konnte. Ihr Alter war schwer einzuschätzen. Ihre Haut war dermaßen blass und dünn, dass die Adern an Händen und Hals deutlich als dunkle Linien zu erkennen waren. Das Haar hing stumpf und wasserstoffblond an ihrem Kopf herunter und reichte bis zu ihren Schultern. Durch die helle Bluse aus edlem, zartem Stoff sah man deutlich Schulterknochen und Schlüsselbeine hervorstechen. Ihr ganzer Körper war so dünn und gebrechlich, dass Florian sich kaum vorstellen konnte, woher sie die Kraft nahm, auf eigenen Füßen zu stehen. Er bemerkte, wie auch ihr Ehemann sie entsetzt anstarrte, als sie die Treppe hinunterschwebte, lautlos und unheimlich wie ein Geist, beinahe durchsichtig.

      Dr. Wiedemann lächelte jetzt und lief seiner Frau entgegen. »Dir geht es besser. Schön«, sagte er und nahm sie in seine Arme.

      »Kommst du jetzt schon aus der Praxis?«, fragte sie und wirkte verwundert.

      »Ich war in Frankfurt, Moni, das habe ich dir doch erzählt. Ich bin vor drei Tagen gefahren. Das Klassentreffen«, half er ihr auf die Sprünge, doch Frau Wiedemann schüttelte nur langsam den Kopf.

      Dann sah sie entschuldigend zu den drei Männern hinüber. »Ich bin manchmal etwas neben der Spur«, erklärte sie lachend. »Aber heute geht es mir gut.«

      »Das freut mich sehr, Liebes.« Dr. Wiedemann geleitete seine Frau die restlichen Stufen hinunter, indem er ihre Hand in seine Armbeuge legte. »Und was kann ich für Sie tun? Sie haben mir mit dem Polizeiwagen in meiner Auffahrt einen ganz schönen Schrecken eingejagt.«

      Die vier Männer nahmen im Wohnzimmer Platz. Florian bemerkte, wie Dr. Wiedemann immer wieder durch die große Terrassentür in den imposanten Garten schaute und seine Frau beobachtete, die dick eingepackt in einen teuren Pelzmantel neben dem kleinen Gartenteich stand und in die Ferne blickte. Sein Gesichtsausdruck wechselte zwischen Sorge und Unzufriedenheit. Es wirkte fast so, als würde ihm nicht gefallen, dass seine Frau dort draußen alleine herumlief.

      Der Blick auf die Alpen war atemberaubend. Die Sicht war klar, der Himmel hellblau und die Sonne schien. In der Ferne ragte der Grünten empor. Eine weiße Schneehaube zierte seinen Gipfel. Vor Mai würde der Schnee auf den höher gelegenen Berggipfeln auf gar keinen Fall schmelzen. In manchen Jahren waren die Spitzen der Allgäuer Berge nur für zwei Monate im Jahr schneefrei.

      »Und Sie sagen, jemand hat gestern Abend die Alarmanlage deaktiviert?«, wandte Herr Wiedemann sich jetzt an den Chef der Sicherheitsfirma. Er hatte sie vor drei Jahren beauftragt, seine Villa zu sichern, nachdem Einbrecher versucht hatten, ins Haus zu gelangen. Seitdem Richter Security das Anwesen elektronisch überwachte, war nichts dergleichen mehr vorgefallen.

      »Nicht nur das, Herr Dr. Wiedemann«, erklärte Alexander Richter seinem Auftraggeber. »Jetzt, da Sie mir erneut bestätigt haben, dass Sie drei Tage nicht im Hause waren, kommt mir auch die Tatsache komisch vor, dass ihr Wagen gestern Abend das Grundstück verlassen hat und erst nach guten zwei Stunden zurück in die Garage fuhr.«

      »Der Mercedes meiner Gattin?«, fragte Wiedemann dazwischen und suchte durch das Fenster erneut nach seiner Frau im Garten. Sie war bereits an der hinteren Grundstücksgrenze.

      »Sie meinen also, Ihre Frau hätte das Haus für zwei Stunden verlassen und vergessen, die Alarmanlage zu aktivieren?«, mischte sich jetzt Florian ein, während Berthold der Haushälterin half, die Kaffeetassen von dem Tablett auf dem Glastisch anzurichten und Kaffee einzuschenken.

      »Nein, das meine ich nicht«, brummte Dr. Wiedemann etwas unhöflich, lächelte dann entschuldigend und griff nach der Porzellantasse mit dem dampfend heißen Getränk. »Meine Frau ist krank, wie Sie sicher schon bemerkt haben. Seit Wochen hat sie ihr Schlafzimmer nicht verlassen. Deshalb war ich ja so erschrocken, als ich sie eben auf der Treppe gesehen habe.« Er nippte an der Tasse, entschied dann, dass der Kaffee noch viel zu heiß war, und stellte die Tasse zurück auf den Unterteller.

      »Darf