Nur reich, reicht nicht. Harald J. Krueger. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Harald J. Krueger
Издательство: Readbox publishing GmbH
Серия:
Жанр произведения: Контркультура
Год издания: 0
isbn: 9783347094079
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      Nur reich, reicht nicht

      Harald J. Krueger

       für Wiebke

      Nur reich, reicht nicht

      Roman

      Harald J. Krueger

      6. Fassung, 2020

      © Harald J. Krueger www.haraldjkrueger.de

      Titelfoto von Wiebke Krüger

      Verlag & Druck:

      tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

      ISBN

      978-3-347-09405-5 (Paperback)

      978-3-347-09406-2 (Hardcover)

      978-3-347-09407-9 (E-Book)

       1

      Gleich nach dem Aufwachen kribbelte in Wilma Vorfreude. Sie machte sich rasch fertig und spurtete die Treppe zur Wohnung ihrer Oma hoch. Der Fahrstuhl hätte sie zu langsam die eine Etage geliftet. Ihre Oma erwartete sie an der Wohnungstür im hellblauen Seidenkleid. Beide riefen lauter als geboten, aber der freudigen Erwartung geschuldet:

      »Fröhliche Ostern!«

      Dadurch verflüchtigten sich Wilmas Zweifel, die sie seit Tagen belastete. Sie hatte ihrem Verehrer, so nannte Oma ihre Männerbekanntschaften, gestanden, dass sie Ostern lieber mit ihrer Oma verbringe, als erstmals seinen Eltern vorgestellt zu werden. Womöglich hätte das in einem freiheitsbedrohenden Antrag gegipfelt. Sein Gesicht reagierte verräterisch. Die Augen weiteten sich. Wilma vermutete, dass er bei ihr etwas entdeckt hatte, was ihm missfiel. Vielleicht, dass ihr neben ihm noch andere wichtig waren. Seine Lippen verschwanden einen Atemzug lang. Das deutete Wilma, dass ihm das Ende ihrer Beziehung schwante. Dabei hatte sie ihm ihre wahren Gründe verschwiegen. Eine Feiertagspräsentation bei seinen Eltern hielt sie angesichts ihrer Zweifel für verfrüht. Wegen seiner Mimik hatte Wilma nicht erwähnt, wie sehr sie sich auf das alljährliche Suchen der Ostereier freute. Das liebte sie mehr als das Auspacken der Weihnachtsgeschenke. Materielles hatte sie nie entbehrt. Aber das Ostereiersuchen hatten ihre Eltern im Jahr 2002 gleich nach dem Abitur abgeschafft: ›Dieser kindliche Brauch passe nicht zu einer angehenden Jurastudentin.‹

      Omas Protest hatte sie nicht umgestimmt. Erst im Jahr 2010, als ihre Eltern in die Schweiz auswanderten, versteckten und suchten Oma und Wilma am Ostersonntagvormittag wieder Ostereier. Die achtjährige Prohibitionszeit hatte ihr Vergnügen gesteigert. Die inzwischen fünfunddreißigjährige Rechtsanwältin hoffte, dass ihr das wie ihrer fünfundachtzigjährigen Oma erhalten blieb. Mit dem derzeitigen Lover bezweifelte sie das.

      Seit der Wiedereinführung zelebrierten sie ihren Spaß nach bewährtem Muster. Oma suchte im Salon Eierliköreier, die Wilma vorher dort versteckt hatte. Die Gefundenen wurden in ein Nest aus Strohgeflecht um ein dickes Marzipanei gelegt. Wilma inspizierte das Esszimmer. Die entdeckten Nugateier umringten den lila Vollmilchhasen. Der hockte in einem mit grünem Papiergras gepolsterten Nest. Wenn der jeweilige Kreis geschlossen war, waren sie sicher, dass keine Eier mehr verborgen geblieben waren. Früher hatten Wochen später Unentdeckte unter Sofakissen klebrige Schweinereien angerichtet. Inzwischen waren die meisten Verstecke bekannt. Neue begeisterten sie deshalb umso mehr.

      Nach der Suche saßen sie im Salon und naschten aus ihren Nestern. Beim intensiven Nugataroma schloss Wilma genüsslich die Augen. Oma wickelte das dritte mit Eierlikör gefüllte Schokoladenei aus und steckte es in den Mund. Kauend fragte sie: »Dein Blick ist betrübt. Was bedrückt dich?«

      »Im Februar starb Karl Lagerfeld, vor einer Woche brannte Notre Dame in Paris, was wird das Jahr uns noch bescheren?«

      »Lagerfeld war in meinem Alter. Mit seinem Tod mussten wir rechnen. Immerhin hat ihn seine Mode unsterblich gemacht. Aber Du siehst angespannt aus. Arbeitest du zu viel?«

      »Das kann ich nicht behaupten.«

      »Ich sehe dich aber jeden Tag im Kellerbüro sitzen.«

      »Die leichte, sitzende Beschäftigung beansprucht mich nicht. Die paar Fälle erledige ich gerne. Finanzielle Sorgen kennen wir ja zum Glück nicht.«

      »Stimmt, das ist unser großes Glück.«

      »Leider hat es mich bislang nur nicht glücklich gemacht.«

      Oma seufzte: »Nur reich, reicht nicht. Zu meinem Glück fehlt nur noch ein Urenkel.«

      »Ich wäre schon mit Mr. Right zufrieden.«

      »Das wäre allerdings die wichtigste Voraussetzung. Woran scheiterte es bisher?«

      Wilma schnaubte: »Das fängt mit dem Familienname Gühne an. Da denkt jeder Interessent sofort an unsere Firma und vermutet, dass wir stinkreich sind. Das wird bestätigt, wenn rauskommt, dass wir in dieser Prachtvilla in der Bellevue in Hamburg an der Alster wohnen.«

      »Dann verschweige es doch anfangs möglichst.« »Das mache ich sowieso immer. Obendrein verschreckt mein Beruf als selbstständige Rechtsanwältin die restlichen Kerle.«

      »Arme Wilma, du tust mir so leid. Besseren Rat kann ich dir nicht geben.«

      Omas betrübtes Gesicht erhellte sich: »Vielleicht löst Herr Rathge das Problem.«

      »Wer ist das denn?«

      »Herr Rathge hat mir vor Jahren goot geholpen. Er ist ein hamburger Spökenkieker.«

      »Auf Schamanen mit Zukunftsvisionen habe ich keinen Bock.«

      »Was hast du dagegen?«

      »Orakel sind unmöglich und machen unfrei. Wobei hatte dir der Rathge denn geholfen?«

      »Damals wohnten deine Eltern und ich hier im Haus. Deine Mutter war schwanger. Opa wollte das Haus für drei Generationen modernisieren mit drei separaten Wohnungen, Fahrstuhl und Tiefgarage. Ich bangte um das Seelenheil des Hauses. Rathge untersuchte es und beruhigte mich.«

      »Warum seid ihr aus der Villa in HamburgAltona hierher umgezogen?«

      »Wir wollten, dass dein Vater hier zur Schule ging. Damals gab es noch keine freie Schulwahl.«

      »Wie bist du auf Rathge gekommen?«

      »Ich hatte drei Weise zur Auswahl. Rathge war am gleichen Tag geboren wie dein Vater. Das hielt ich für ein gutes Omen.«

      Wilma verkniff sich zu grinsen und nickte.

      Oma stand auf: »Ich suche seine Telefonnummer. Ob ich die noch finde? Mein Gott, ist das lange her.«

      Wilma lachte: »Schätzungsweise fünfunddreißig Jahre, wenn Mutti mich noch im Leib trug.«

       2

      Am Dienstag nach Ostern saß Herr Rathge bei Wilma im Kellerbüro. So schnell hatte sie nicht erwartet, einen Besuchstermin mit dem Spökenkieker zu ergattern. ›Da hat Oma wohl arg gedrängelt.‹

      Beim Telefonat hatte er sie mehrfach unterbrochen, wenn sie ihm erklären wollte, wobei er ihr helfen solle: »Telefonisch vereinbare ich nur Termine. Um was es geht, bespreche ich nur persönlich bei Ihnen.«

      Das klang für Wilma nach Kundenabwehr. Deshalb war vermutlich auch das kurzfristige Treffen möglich. So würde sie künftig neue Mandantenanfragen abwenden. Ihr Einpersonenanwaltsbüro war fast nur für die Firma und Familie tätig, wenn sie die Fälle interessierten. Das erinnerte sie, die Honorarfrage zu klären.

      Er lächelte: »Das eilt nicht. Geben Sie mir nur soviel Bargeld, wie es Ihnen wert ist, aber bitte nur, wenn Sie zufrieden sind. Für meine Dienste gibt es weder eine Gebührenordnung noch Stundensätze. Ich schicke keine Rechnungen.«

      Herr Rathges etwas zu langes, grauweißes Haar passte zu seinem zerknitterten Gesicht. Der Blick seiner dunklen, fast schwarzen Augen empfand Wilma als stechend. Selten hatte sie sich von jemand so scharf beobachtet gefühlt. Sie wertete das als aufmerksames Zuhören bei der Schilderung ihrer Enttäuschungen mit Männern. »Fast alle waren nur an meinem Vermögen interessiert oder spielten den Großkotz und verprassten Geld, das sie