Die Efeufrau. Nieke V. Grafenberg. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Nieke V. Grafenberg
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9783745090727
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war. Würde er jung sein und unerfahren - Eva suchte vergeblich, die Füße ruhig zu halten - oder würde ein lang gedienter, erfahrener Kriminalbeamter sich ihrer annehmen? Durch die angelehnte Tür zum Nebenraum hörte sie dumpf: Die Kundin ist da.

      Eine seltsame Bezeichnung für einen Ort wie diesen, dachte Eva, auch wenn sie einer Bezeichnung wie verdächtiges Subjekt oder Verdächtige vorzuziehen war. So ausgelaugt wie sie sich fühlte, bang wie in den Minuten vor einer Operation, wäre Patientin wohl am ehesten angebracht gewesen.

      Beklommen ließ Eva den Blick durch das Vernehmungszimmer wandern. Bestimmt sah eins wie das andere aus, glich, wie die grauen Türen im Flur, aufs Haar dem Büro ein Stockwerk darüber. Möbel auf Rohrstahlfüßen, der Boden wie Latex, hellgrau mit dunkleren Sprenkeln, dem schonungslosen Licht der Neonröhre fehlte der Blendschutz. Ein taschenrechnergroßes Diktiergerät neben dem Computer, vier Keramikbecher akkurat aufgereiht im ansonsten leeren Regalfach, einer davon mit dunkelrotem Lippenabdruck. Es roch nach eingebranntem Kaffee, unangenehm metallisch zwar, aber nicht annähernd so Brechreiz erregend wie an dem Tag, an dem sie Eierkohlen statt Ostereier erzeugte, weil sie wie Großmutter früher die Herdplatte angestellt und gleich darauf aus dem Gedächtnis gestrichen hatte. Verstohlen reckte Eva den Hals. Eine Kaffeemaschine war nicht zu entdecken, würde vielleicht nebenan stehen, passte auch nirgendwo hin.

      Ein graues Leinensakko lag achtlos hingeworfen über einer der Armlehnen des Schreibtischstuhls vor dem Fenster. War der, auf den sie warteten, ein lockerer, vielleicht sogar kreativer Typ? Eine verkappte Künstlerseele? Warum nicht? Wäre sie der eines akribisch ermittelnden Polizeibeamten nicht in jedem Fall vorzuziehen?

      Endlich wurde die Tür zum Nebenraum aufgedrückt, ein Beamter mittleren Alters reichte ihnen die Hand. Untersetzt von Statur, aber keineswegs fett, eher muskelbepackt, die kurzen Oberschenkel sprengten beinahe die Hosenbeine. Grübchen im Kinn, die grauen Haare militärisch kurz geschoren. Nein, keinesfalls die fürsorgliche Vaterfigur, wie Eva sie sich gewünscht hätte. Andererseits aber auch kein Anzeichen eines Bluthundes, das wäre ihr bestimmt nicht entgangen. Evas verschwitzte Handflächen schien er nicht wahrzunehmen, behende umrundete er den hochbeinigen Schreibtisch, beugte sich vor und klickte Vorgänge im Computer an, die Nina und sie nicht einsehen konnten. Klick, klick, klick - als Personen schienen sie ihn nicht zu interessieren, sein Augenmerk galt dem Bildschirm, sein zielstrebiges Gebaren hieß sie weiter schweigen. Er schob einen niedrigen Stapel Papier in den Drucker, ein grünes Licht leuchtete auf, die Maschine jedoch blieb still.

      „Sie haben heute Morgen angerufen?“

      Er setzte sich hin und verschränkte die Hände über der Gürtelschnalle. Ein flüchtiger Blick aus hellen Augen streifte Mutter und Tochter, fiel dann auf den unter einen Locher geklemmten, gelben Zettel. Er zog ihn heraus.

      „Wie es aussieht, geht es um eine Vermisstenmeldung? Ihr Mann wandert und hat sich seit ...“, seine Augen suchten die Notiz zu entziffern, „seit ein paar Tagen nicht gemeldet?“

      „Seit acht Tagen, ja ...“, setzte Eva an, er aber unterbrach sie.

      „Augenblick noch, Frau ...“

      Der Name war wohl ebenfalls unleserlich, er runzelte die niedrige Stirn.

      „Zunächst einmal brauchen wir ein paar Angaben zur Person. Ihr Mann, wie heißt er, und wann ist er geboren?“

      „Ernst Brandner“, gab Eva an und spürt den aufgeregten Pulsschlag in Mutters Knie, an das sie den Kopf gelehnt hat. Mutters angestrengte Stimme, die Suchmeldung nach dem Krieg. Eva hört sie den Namen Georg hervorpressen, der ihr Vater war und vermisst. Der einen Teil von ihr mitgenommen und bewahrt hat, als er nach dem Heimaturlaub einfach so wegblieb. Seither fehlt ihr etwas, sie ist nicht komplett, hätte der Mann sonst das Wort Halbwaise in den Mund genommen, das ähnlich verstörend klang wie der Flüchtling?

      Viel später hat Eva im Lexikon nachgelesen, dass eine Waise nicht zwingend das Letzte und Wertlose ist. Der Begriff Waise konnte ebenso gut dem heutigen Solitär entsprechen. Oder dem Stein der Weisen, beide stellten das Eine, ganz Besondere dar. So, wie sie es verstand, waren Waise wie Stein etwas sowohl Wertloses als auch Wertvolles - ein Gegensatzpaar, das Eva vertraut war. Hatte sie nicht oft das Gefühl gehabt, entweder das Letzte oder das Erste zu sein?

      Der Riesenkloß im Hals, wem eigentlich galt er, musste Eva sich fragen, war es doch lange her, dass ihr Vater sie beide so elend im Stich gelassen hatte. Aber sie würde so wenig weinen wie ihre Mutter auf dem Stuhl vor dem Schubladentisch in der Amtsstube, sie hatte Dringenderes zu tun.

      „B-r-a-n-d-n-e-r.“ Eva ertappte sich, wie sie, wie ihre Mutter damals, mit belegter Stimme den Nachnamen buchstabierte. „Geboren 1950, am 30. Februar.“

      Das Datum klang fremd, sie stutzte, verbesserte sich: „Was sage ich denn! Dreißigster, das ist korrekt, aber Januar natürlich.“ Seine Finger blieben über der Tastatur in der Schwebe, er sah sie abwartend an. Schuldbewusst senkte sie den Blick auf die Hände, dachte angestrengt nach. „30. Januar 1950“, nickte sie dann, schob nach kurzem Zögern ein bekräftigendes „definitiv“ hinterher. „Tut mir leid, aber Zahlen und Daten ... damit habe ich es nicht so.“

      „Und sein Beruf?“ Er räusperte sich.

      „Lehrer“, gab Eva zur Antwort. „Oberstudienrat am Richard-Wagner-Gymnasium in Baden-Baden.“

      Der Beamte tippte es ein.

      „Zirka einsneunzig groß“, - auf den Zentimeter genau wusste Eva es nicht, sie musste schätzen - „er hat eine Narbe auf der rechten Stirnseite.“

      Er hörte auf zu tippen und sah sie an.

      „Andere hervorstechende Merkmale?“

      Eva zögerte. „Eigentlich nicht ... oder vielleicht doch, ich weiß nicht, ob es von Bedeutung ist: Bevor er losging, hat er den Bart abrasiert. Er wird einen Stoppelbart haben - mit grauen Stellen darin.“

      Während er tippte und ab und zu klick, klick, klick machte, fragte sie sich, wie er sie wohl sah.

      Vor ihm, die Füße artig gekreuzt, saß eine Frau mittleren Alters - die Augen besorgt, aber weder zu klein noch zu groß. Nase nicht unbedingt gerade, aber auch nicht krumm. Durchschnitt bis auf den ausgeprägten Mund, wie beim Vater liefen die Gipfel der Oberlippe ungewöhnlich spitz zu. Für den Termin heute hatte sie die Spitzen mit hautfarbener Grundierung gemildert und einen kräftig rosa Lippenstift kurvig aufgetragen. Jetzt saß sie mit artig gebogener Oberlippe, Mittelmaßmutter eines ungelenken Teenagers, der seine Unsicherheit hinter mürrischer Miene zu verbergen suchte - und dies hier war keinesfalls ein Spiel! Ab sofort steckten sie mit Rang und Namen in der Kartei des Kriminalamtes, vermutlich bundesweit.

      Eva setzte sich aufrecht. Sorgfältig schloss sie die zerknitterte Leinenjacke über der munteren Blütenpracht ihres sommerlichen Tops, als wolle sie sich für weitaus intimere Fragen wappnen. Die würden kommen, unausweichlich, denn dazu war sie da.

      Der Polizist löste die strammen Unterarme von der Schreibunterlage. Er schob seinen Drehstuhl zurück, tat einen Schwenk in ihre Richtung, setzte beide Füße auf das Rollengestell. Sein ausdrucksloser Blick wanderte von ihr zu Nina und wieder zurück.

      „Ihr Mann, Frau Brandner, wo wollte er hin? Und ist jemand bei ihm?“

      „Niemand, nein, er ist ganz allein unterwegs.“ Eva wich seinem Blick nicht aus. „Endpunkt der Wanderung sollte Venedig sein.“

      „So, so, Venedig. Ganz schönes Stück.“ Der Beamte kaute auf seiner Unterlippe. „Und die Wanderstrecke - ist Ihnen die geläufig?“

      „Schwarzwald, Bodensee, Alpen, Gardasee, Verona, Venedig.“

      Evas Hand fuhr wie von selbst zur Handtasche. Ernsts ausgeklügelten Wanderplan trug sie bei sich.

      „Nein, nein, lassen Sie nur!“ Abwehrend hob er die Hand. „Was hatte Ihr Mann an, trug er spezielle Wanderkleidung, als er das Haus verließ?“

      „Nein, bis auf die Wanderschuhe hatte er ganz alltägliche