Der arme Jack. Фредерик Марриет. Читать онлайн. Newlib. NEWLIB.NET

Автор: Фредерик Марриет
Издательство: Bookwire
Серия:
Жанр произведения: Языкознание
Год издания: 0
isbn: 9788711447673
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      Frederick Marryat

      Der arme Jack

      Roman

      Saga

      Erstes Kapitel.

      In welchem ich, wie die meisten Leute, welche ihre eigene Geschichte erzählen, mit der Geschichte anderer Leute beginne.

      Allen Grund habe ich zu glauben, dass ich im Jahre unseres Herrn 1786 geboren wurde; denn auf die wiederholten Fragen an meinen Vater erhielt ich unabänderlich stets dieselbe Antwort: „Nun, Jack, Du liefst ein paar Monate vor der Überpflanzung der Druiden auf die ‚Melpomene‘ vom Stvpel.“ Inzwischen habe ich in Erfahrung gebracht, dass sich dieses denkwürdige Ereignis im Januar 1787 zutrug. Mein Vater rechnete übrigens stets in derselben Weise, denn wenn ich hin fragte, um welche Zeit irgend ein Begebnis stattgefunden habe, pflegte er zu erwidern, so und so viel Jahre oder Monate nach diesem oder jenem Seegefecht oder einem sonstigen merkwürdigen Ereignis. Als ich zum Beispiel eines Tages von ihm wissen wollte, wie lange er dem König gedient habe, antwortete er: „Ich kam kurze Zeit vor der Schlacht von Bunkers-Hill in Dienst, in welcher wir die Amerikaner hübsch aus Boston hinausleckten.“a)

      Von dem anno domini hatte er durchaus keinen Begriff. Wer mein Grossvater war, kann ich dem Leser nicht mitteilen, da er sich ohnehin auch nicht sonderlich dafür interessieren wird. Mein Vater war ein Mann, der stets nur die Zukunft im Auge hatte und jeden Rückblick auf die Vergangenheit hasste: er sprach nie von seinem Vater oder seiner Mutter, vielleicht weil er sie gar nicht kennen gelernt hatte. Was ich gelegentlich aus ihm herausbringen konnte, beschränkte sich darauf, dass er auf einem Kohlenschiffe von South-Shields gedient hatte und dass er sich einige Monate nach dem Ablaufe seiner Lehrzeit an einem schönen Morgen an Bord eines Kriegsschiffes befand, ohne sich Auskunft geben zu können, wie er dazu gekommen war, denn man hatte ihn ohne seine Einwilligung und in einem Zustande von Besinnungslosigkeit an der Seite hinaufgehisst. Man zieht vielleicht hieraus den Schluss, dass er damals betrunken war; aber dies kann ich nicht durch sein eigenes Zugeständnis bekräftigen, denn er sagte darüber bloss: „Jenun, Jack, die Sache verhält sich so, dass ich, als ich aufgelesen wurde, nicht ganz pompusb) war.“ Zu unterschiedlichen Zeiten erhielt ich von ihm noch folgende Berichte: dass er dem Besahnmars beigegeben wurde und drei Jahre in Westindien diente, dass er von da aus zu dem grossen Mars überging und fünf Jahre in dem mittelländischen Meere Dienste that, dass er zum Kapitän des Fockmarses gemacht wurde und sechs Jahre die ostindischen Meere bestrich, und endlich, dass er das Beischiff des Kapitäns der ‚Druide‘ führte, einer Fregatte, die während des Friedens mit der übrigen zu einem gleichen Dienste beorderten Flotte im Kanale kreuzte. Nachdem ich so die genealogische und chronologische Einleitung zu meiner Geschichte in nuce gegeben habe, komme ich zu einem Teile, über den ich mich mehr in seinen Einzelnheiten auslassen muss.

      Die Fregatte, auf welcher mein Vater als Beischiffsführer des Kapitäns diente, stand unter dem Kommando des Sir Herkules Hawkingtrefylyan, Baronet. Er war sehr arm und doch sehr stolz, denn Baronete galten in jenen Tagen als nichts Gewöhnliches. Er war ein sehr grosser, sechs Fuss hoher Mann von stattlicher Haltung und hatte ein beträchtliches sogenanntes Bogenfenster an der Vorderseite. Seine Haare trug er stark gepudert, verlangte die ceremoniösesten Beweise der Achtung, und meinte seinen Offizieren schon ein sehr grosses Kompliment zu erweisen, wenn er sie nur anredete. Der Ehre, an seine Tafel gezogen zu werden, konnten sich nur wenige rühmen, und auch diese wenigen wurden vielleicht nicht öfter, als einmal im Jahre geladen. Aber, wie gesagt, er war sehr arm und obendrein verheiratet — ein Umstand, der mich daran erinnert, auch seine Gattin den Lesern vorzustellen. Sie hatte, da dem Schiffe der Kanaldienst angewiesen war, ihre Wohnung in der Nähe des Hafens, zu welchem die Fregatte gehörte, und kam hin und wieder an Bord, um eine Fahrt mitzumachen, wenn die ‚Druide‘ ihre Station gegen Osten oder Westen hin wechselte. Lady Herkules, wie wir sie dem Befehle des Sir Herkules gemäss nennen mussten, war eine wohlbeleibte Frau und noch zehnmal stolzer, als ihr Gatte, dabei aber sehr schön; die Schiffsmannschaft blickte stets mit der grössten Ehrfurcht zu ihr auf, so oft sie an Bord erschien.

      Sie hatte einen grossen Widerwillen gegen Schiffe und Matrosen, liess sich selten herab, die Offiziere einer Beachtung zu würdigen, und besass einen ausserordentlichen Abscheu gegen Pech und Teer. Sir Herkules selbst fügte sich unter ihr Machtgebot; hätte sie an Bord gelebt, so würde sie ohne Frage das Schiff kommandiert haben; zum Glück für den Dienst aber war sie stets heftig seekrank, so oft sie eine Fahrt mitmachte, und konnte daher keinen Schaden stiften. „Ich entsinne mich“, sagte mein Vater zu mir, „dass wir einmal nach Portsmouth hinunter segelten, um Mundvorrat einzuholen. Lady Herkules, die in ziemliches Gewicht hatte, lag nachts seekrank in ihrer Häengematte, und da das Ziehtau nachgab, so purzelte sie köpflings auf das Deck nieder. Der Steward wurde von der Schildwache herbeigerufen, und nun gab es eine schreckliche Zänkerei. Man schickte natürlich nach mir, weil ich die Matte aufgehangen hatte. Sir Herkules hatte eine Decke über seine Schulter geworfen und stolzierte in auflodernder Leidenschaft, während sein Hemd im Winde wehte, umher. Ausserdem traf ich noch den Offizier der Wache, den man aus Versehen herbeigeschickt hatte, der aber jetzt Befehl erhielt, augenblicklich die Kajüte wieder zu verlassen — und eine weitere Person im Spiele war meine geringe Person, die sich nicht anders dachte, als sie werde in Eisen gelegt werden und sieben Dutzend zum Frühstück erhalten. Sir Herkules wusste nicht, was er anfangen sollte, denn er stürmte eben gegen jedermann los, während ihn Mylady, den Kopf unter ihrer Decke, nicht schlecht ausschalt. Sie erklärte, sie wolle keinem Manne erlauben, in die Kajüte zu kommen und ihr wieder aufzuhelfen. So unanständig, so unzart, so abscheulich — sie schäme sich für Sir Herkules, dass er nach Männern schicken könne; wenn sie nicht augenblicklich die Kajüte verliessen, so werde sie schreien und in Ohnmacht sinken — ja, das werde sie — und was weiss ich alles, was sie sonst noch thun wollte! Gut, wir warteten eben draussen, bis endlich Sir Herkules und Mylady mit einander zu parlamentieren begannen. Sie war zu leidend, um aus ihrem Bette aufstehen zu können, und er vermochte sie nicht ohne Beistand hinaufzuhissen. Schätz’ wohl übrigens, dass sie es nachgerade müd’ wurde, mit dem Kopf drei Fuss tiefer als mit den Fersen zu liegen, weshalb sie endlich einwilligte, uns hereinzulassen, damit wir sie wieder zurecht brächten, vorausgesetzt, dass sie zuvor passend bedeckt sei. Gut; zuerst musste Sir Herkules seine zwei Bootsmäntel über sie werfen, aber das wollte ihr nicht genügen. Er riss deshalb das grüne Tuch von dem Tische, aber auch dies war noch nicht genug für ihre zarte Empfindsamkeit, denn sie rief noch immer unter den Tüchern hervor nach mehr Bedeckung. Sir Herkules schickte deshalb nach zwei Schiffsflaggen, rollte das Tuch über sie auf, bis es so hoch war wie ein Heuschober, und liess uns dann hereinkommen, um die gnädige Frau wieder auf die Latten zu legen. Zum Glück war es kein schlüpfriger Stich, der zu dem Sturze Anlass gegeben hatte, denn das Ziehtau war unter Myladys eigener Last gewichen, so dass mein Rücken diesmal verschont blieb. Lass Dir’s gesagt sein, Jack, Weiber sind nicht gut an Bord.“

      Ich muss übrigens jetzt noch eine wichtigere Person einführen, als sogar Lady Herkules war — nämlich meine Mutter. Es heisst im Sprichwort: „Wie der Herr, so der Knecht“, und ich kann wohl beifügen: „Wie die Frau, so die Dienerin.“ Lady Herkules war schön, aber ihr Kammermädchen noch schöner. Die meisten Leute, welche Selbstbiographieen schreiben, berichten über ihre Eltern, wenn sie arm sind, dass dieselben ihnen nichts als einen guten Namen hinterlassen hätten. Manche Eltern können nicht einmal dies thun, aber alle sind im stande, ihren Kindern jedenfalls einen hübschen Namen mitzugeben, wenn sie’s bei der Taufe nicht so gar über Bausch und Bogen nehmen. Meine Mutter hiess Araminta, was, wie mein Vater richtig bemerkte, „ein bischen über dem Gewöhnlichen“ stand. Sie war ursprünglich als eine Kinderwärterin in Dienst getreten und hatte in ihrer ersten Stelle ein Jahr und neun Monate ausgehalten. In der zweiten blieb sie zwei Jahre und vier Monate, worauf sie dieselbe aufgab, um sich zu verbessern, und in gleicher Eigenschaft ein Unterkommen in einer Familie fand, bei der sie abermals zwei Jahre und einen Monat weilte. Nach dieser Zeit trat sie in den Dienst der Lady Herkules, welche damals mit einem einjährigen Kinde gesegnet war. Das Kind starb im dritten Lebensjahre, und meine Mutter rückte nun zur Kammerjungfer der gnädigen Frau vor — ein Avancement, durch das sie ganz verderbt wurde, denn sie benahm sich nun hochmütiger als ihre Gebieterin selbst, und trug ihre Nase zehnmal höher. Ja, als mein Vater sie zum erstenmal anzureden versuchte (denn als Beischiffsführer kam er viel