Fritz Weilharter:
Die neue Elite
Lektorat:
Andreas Görg
Alle Rechte vorbehalten
© 2021 edition a, Wien
Cover: Valeriya Gridneva
Satz: Sophia Stemshorn
Gesetzt in der Premiera
Gedruckt in Deutschland
1 2 3 4 5 — 24 23 22 21
ISBN 978-3-99001-473-8
eISBN 978-3-99001-474-5
Fritz Weilharter
DIE NEUE ELITE
Warum Kindern ohne Smartphone die Zukunft gehört
INHALT
WARUM SICH DIE NEUE ELITE BILDET
CHRISTINE UND CHRISTOPH
Alma und Albert träumen den Traum aller Eltern. Bei der Geburt ihrer Zwillinge Christine und Christoph geben sie einander ein Versprechen. Ihre oberste Priorität soll es fortan sein, ihren Kindern eine glänzende Zukunft zu ermöglichen.
Alma gibt ihren Beruf als Sekretärin auf, um sich als Hausfrau überwiegend den Kindern zu widmen. Das ist möglich, weil Albert als Techniker in einem Industriebetrieb in leitender Funktion tätig ist und entsprechend gut verdient.
Das hat allerdings den Nachteil, dass seine Zeit mit den Kindern knapp bemessen ist. Umso konsequenter planen Albert und Alma die Zeit zu viert. Da es mit Albert wenig Quantität gibt, ist umso mehr Qualität miteinander angesagt. Sie setzen auf gemeinsame Aktivität. Zum Geburtstag der Zwillinge gibt es keine Geschenke, sondern einen besonderen Abenteuerausflug, den sie sich wünschen und mit zunehmendem Alter auch selbst planen dürfen. Im Alltag sind es vor allem Brettspiele, die die vierköpfige Familie mit Leidenschaft erfüllen. Außerdem bemühen sich Alma und Albert um freundschaftliche Bande zu anderen Eltern mit gleichaltrigen Kindern. Abwechselnd nehmen die Eltern die befreundeten Kinder mit zu Ausflügen, sodass Christine und Christoph auch in einer Freundesgruppe von vier bis acht Kindern gut eingebettet und oft unterwegs sind.
Bereits in jungen Jahren zeigt sich, dass Christine ein besonderes Bewegungstalent besitzt und auch vom Drang nach Bewegung beherrscht wird. Christoph hingegen hat Alberts Affinität zu technischen Dingen mitbekommen. Dementsprechend basteln und werken Vater und Sohn viel gemeinsam. Im Garten bauen sie eine Holzhütte, in die sich Christine und Christoph fortan gerne zum Lesen zurückziehen, wenn sie mal Ruhe brauchen.
Im Jahr 2007, mitten in der Volksschulzeit der Zwillinge, präsentiert der damalige Chef des Elektronikkonzerns Apple Steve Jobs das erste iPhone. Zu diesem Zeitpunkt sind Christine und Christoph noch weitgehend unbeeinflusst von digitalen Medien. Obwohl Albert überaus technikaffin ist, verläuft ihre Kindheit weitgehend analog. Albert erlaubt es den Zwillingen nicht, seinen Computer für Spiele zu benutzen. Auch Fernsehen gibt es kaum, einfach weil es den Kindern angesichts der vielfältigen spannenden Aktivitäten unattraktiv erscheint.
Die technische Revolution nimmt ihren Lauf. Binnen weniger Jahre hält das Smartphone Einzug in die meisten Haushalte in den Industrienationen. Im Alter von 12 Jahren bekommen auch Christine und Christoph ein eigenes Smartphone. Während die bewegungsorientierte Christine nach wie vor überall herumturnt und im Smartphone allenfalls ein Hilfsmittel zur Koordination ihrer Aktivitäten sieht, nutzt der technikaffine Christoph das Smartphone zum Spielen. Das bleibt den Eltern allerdings verborgen, weil Christoph sich mit seinem digitalen Spielzeug in sein Zimmer zurückzieht, wo er online mit Freunden spielt.
Christine bemerkt als Erste, dass mit ihrem Bruder eine Veränderung vor sich geht. Früher sind sie am Nachmittag nach Erledigung der Hausaufgaben gemeinsam losgezogen. Nun bleibt Christoph immer öfter daheim. Sie ärgert sich über ihn, weil nichts mehr mit ihm anzufangen ist. Aber verpetzen möchte sie ihn nicht.
Dass Christine neuerdings ohne ihren Bruder hinausgeht, bemerkt auch Alma. Aber in der ersten Zeit führt sie das einfach auf frühpubertäre Entwicklungen von Mädchen und Bub zurück und denkt sich nichts Böses dabei.
Bis dahin hatten sich Alma und Albert aus den schulischen Belangen ihrer Kinder weitgehend herausgehalten und es der Eigenverantwortung ihrer Kinder überlassen, etwaige Probleme zu lösen. Dementsprechend hatten sie Christophs Motivationstief in Englisch kaum beachtet. Nun beginnen seine schulischen Leistungen in mehreren Fächern deutlich abzufallen. Sogar in Mathematik ruht er sich allzu lange auf seinen früheren Erfolgen aus. Ein Lehrerwechsel bringt ihn auch in diesem Fach unter Druck.
Nun macht sich Alma zunehmend Sorgen. Sie bietet ihre Hilfe an, weil sie ganz gut Englisch kann. Außerdem ist sie dahinter, dass Christoph auch in den anderen Fächern seine Hausaufgaben erledigt. Weil sie dazu immer wieder in Christophs Zimmer schaut, bemerkt sie, dass er praktisch dauernd am Handy spielt. Mehrmals pro Nachmittag muss Alma ihn mahnen, er solle das Handy weglegen und endlich seine Hausaufgaben erledigen. Anfangs tut sie es noch mit einem Augenzwinkern. Aber bald bemerkt sie, dass der frühpubertäre Sohnemann sich ihr widersetzt.
Sie bespricht Christophs Verhalten mit Albert. Der meint, es sei ganz normal, dass Kinder ihre Eltern in dieser Phase ihrer Entwicklung als Reibebaum benutzen. Aber er versteht auch, dass das für Alma unangenehm ist. Daher verspricht er, sich dieses Problems anzunehmen.
Albert führt mit Christoph ein ernstes Gespräch und installiert auf dem Smartphone eine Begrenzung der Nutzungsdauer. Christoph soll seine Aufmerksamkeit wieder auf jene Dinge richten, die er zu erledigen hat. Das führt dazu, dass Christoph an den Nachmittagen wieder mit Christine loszieht. Auf den ersten Blick scheint alles zu laufen wie früher. Was die Eltern allerdings nicht wissen: Christoph und Christine gehen getrennte Wege. Christoph geht zu einem Freund, der nicht nur ein Smartphone, sondern auch einen Computer zum Spielen zur Verfügung hat.
Seine Leistungen in der Schule verschlechtern sich weiter. In der 3. Klasse Gymnasium spitzt sich der Konflikt zu. Christoph hat längst herausgefunden, wie er die Begrenzung der Nutzungsdauer auf seinem Handy umgehen kann. Er zeigt klare Anzeichen von Abhängigkeitsverhalten und ist rationalen Argumenten kaum noch zugänglich. Umso strenger müssen Alma und Albert agieren. Im Nachhinein bezeichnen sie diese Phase als Qual. Der schwelende und ständig ausbrechende Konflikt stört das einst so harmonische Zusammenleben empfindlich. In langen abendlichen Gesprächen überlegen sie, welche erzieherische Strategie sie anwenden sollen. Sie bemühen sich darum, trotz des Konflikts nicht den geringsten Zweifel an ihrer Zuneigung zu Christoph aufkommen zu lassen. Sie wollen einen verständnisvollen Weg der Grenzsetzung gehen, aber auch gute Alternativen für die Freizeit entwickeln.
Albert gelingt es am leichtesten, Christoph vom dauernden Spielen am Smartphone wegzubringen, wenn er mit ihm ihren gemeinsamen Lieblingsbeschäftigungen nachgeht: Mountainbiken und Restaurieren von Möbelstücken. Beim Handwerken